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Sven Ratzke: „NachtSpiele“ – Uraufführung in der Bar jeder Vernunft

Ein wahrer Bühnenberserker

von Axel Schock

Sven Ratzke 01 - Foto © Hanneke KuijpersBERLIN – Wenn es um’s Bühnenkostüm geht, haben Chansonniers in der Regel ein leichtes Spiel. Während ihre Kolleginnen sich zwischen dem kleinen Schwarzen, ausladender Abendgarderobe oder farbenfrohem Schlampenlook entscheiden müssen und dann auch noch Frisuren und Schuhwerk abstimmen müssen, bleiben die Herren zumeist klassisch.

Ob Kreisler, Brecht oder Brel: Mann gibt sich seriös und schwarz-weiß und greift zu Frack oder Jackett. Auch Sven Ratzke steht nach der Pause schwarz gewandet auf der Bühne – klassisch würde man sein Outfit jedoch nicht nennen. Das tief ausgeschnittene Pailletten-Shirt glitzert im Scheinwerferlicht und auf den breiten Schulterpolstern stecken kleine Federboabüschel.

Das kleine Accessoire wirkt wie ein Zitat, in dem all das kumuliert, was in Chansonprogrammen zumeist nicht zu finden ist: Glamour, Revue, Verruchtheit und Sexyness, auch mal der schmutzigen Art. Tatsächlich erfüllt sein neues Bühnenprogramm „NachtSpiele“, das er in der Berliner Bar jeder Vernunft zur Uraufführung brachte, diese Verheißungen des Federbüschels auf‘s Beste.

Sven Ratzke 05 - Foto © Jan WirdeierSven Ratzke, der seit vielen Jahren in Amsterdam lebt, mag zwar zu einem festen Bestandteil der dortigen Szene geworden sein, im Innersten aber bleibt er doch seinen deutschen kulturellen Wurzeln verbunden. Oder besser: Er nimmt sich aus allem, was ihm für die eigene Bühnenkunst am besten passt: Deutsche Perfektion und Chansontradition, die flapsige Direktheit der Niederländer, den Glamour von Las Vegas und den erotischen Esprit des Vaudeville-Theaters.

Noch keine drei Minuten steht er auf der Bühne, da hat er – ehe sie sich’s versahen – zwei Männer in der erste Reihe geküsst und sie damit für den Rest des Abends zu seinen Anspielpartnern gemacht. „Das ist meine holländische Art“ entschuldigt sich Ratzke mit einer lässigen Geste. Er wird sich im Laufe der zweieinshalbstündigen Show noch ein paar Mal für seine Direktheit entschuldigen. Aber Sven Ratzke ist nicht Kay Ray. Seine Späße und Witze, auch wenn sie unter die Gürtellinie gehen, wollen kein Schenkelklopfen provozieren.

Man muss sich für Ratzke nicht fremdschämen, dafür ist er zu sehr Charmeur. Dass er auf Tuchfühlung mit dem Publikum geht, erlebt man nicht als Anbiederung, sondern als Teil seines Wesens: Der kann einfach nicht anders. Vor allem aber zeigt er schon in diesen ersten Warm-up-Minuten, was für eine gnadenlose, auch gnadenlos perfektionierte Rampensau er ist. Ein wahrer, manchmal beängstigender Bühnenberserker. Der Schweiß, den er sich allenthalben mit einem Handtuch von der Stirn wischen muss, ist redlich erarbeitet.

Sven Ratzke 03 - Foto © Hanneke WetzerRatzke scheint die Welt des Cabarets und Chansons in sich aufgesogen zu haben. Wandelbar wie ein Chamäleon wechselt er die Genres, beeindruckt mit einer röhrenden Rockerstimme in Machoposen und säuselt lasziv als androgyne Diva. Singt David Bowies „Life on Mars“ mit kräftigen Glamrock-Timbre, macht uns in „Eine Nacht in Amsterdam“ den Brel mit rauchiger Stimme. Das Lied – wie viele an diesem Abend – von Ratzke selbst getextet und von seinem Pianisten Charly Zastrau vertont, zelebriert in dunklen poetischen Bildern die Welt der Huren, Nachtwandler und rostiger Fische in den Grachten. Wer mag, kann es als Kondensat eines halben Jahrhunderts Chansongeschichte entschlüsseln.

Wie lässig und klug er mit der Tradition des Genres umzugehen weiß, zeigt er auch in seiner locker dahingeplauderten Geschichte, mit der er den „Salomonsong“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill einleitet, zugleich aber in wenigen bösen Sätzen dem Frauenausbeuter Brecht auf die Mütze gibt und sich nebenbei einen Spaß mit Gisela May erlaubt.

Vor allem aber liefert sich Ratzke mit solchen Songs die Vorlagen, um als Entertainer das Äußerste zu geben. Bei seinem „Berlin Charité-Blues“ steigert er sich in ein geradezu furchteinflößendes Irresein. Sein etwas kalauerndes Duett zwischen Sarkozy und Merkel klingt wie Serge Gainsburg vs. Miss Piggy. Tom Jones’ „Sex Bomb“ lässt Ratzke ruckeln und zuckeln, als stünde er unter Strom. Er wienert, berlinert und macht uns den Falco.

Sven Ratzke 06 - Foto © Jan WirdeierManchmal wünscht man sich, dass Ratzke für die Länge eines Songs einfach mal ganz bei sich und diesem Moment bliebe, dass er die vielfältigen Stimmungen, die er so scheinbar lässig herzustellen weiß, auch bis zum letzten Akkord auskosten würde.

Aber Ratzke hat etwas vom Duracell-Häschen. Dieser Mann platzt vor Energie. Unablässig muss er wild und exzentrisch zappeln und gestikulieren, oder er tanzt wie ein Michael Jackson-Imitator beim epileptischen Anfall.

Ratzke sprüht vor Ideen, guten und besseren, und vor allem sehr spontanen Scherzen. In seinen mäandernden Moderationen, bei denen er ein wenig an die frühe Georgette Dee erinnert, verrennt er sich immer wieder in absurdeste Geschichten. Da lässt er dann auch mal Rudi Carrell in ein Zeltdorf alternder ZDF-Fernsehballetteusen stürmen. Manchmal findet er aus diesen Nummern kaum mehr heraus und muss selbst darüber lachen. Aus dem Stegreif textet er auf Niederländisch eine zweifelhafte Berlinhymne, bis er mittendrin plötzlich abbricht. „Das ist nun wirklich unter Niveau“. Aber auch hier weiß er sich artig zu entschuldigen: „Das ist mir eben nur so eingefallen, als ich meine Erektion bezwingen musste.“

Axel Schock © 2011 BonMoT-Berlin

weitere Termine:
Mi, 14.9. – So, 18.9.2011: Berlin, Bar jeder Vernunft, Tel. 883 15 82, Mi bis Sa 20 Uhr, So 19 Uhr, 19-24,50 Euro

www.sven-ratzke.com

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