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Jan Koch: Eierschalen für Verhungernde – Kritik

Jan Koch - Foto revermer photographyLieder von einem aufmerksamen Beobachter

BERLIN (gc) – Beste Klubatmosphäre im Berliner Mehringhoftheater. Ein vielschichtiges Publikum, vom Erstsemester bis zum Silver Surfer, hat sich eingefunden, um den Liedermacher Jan Koch mit seinem Programm „Eierschalen für Verhungernde“ zu sehen. Und Jan Koch gestaltet den Abend in bestem Sinne traditionell: Ungekünstelt, nur von seiner akustischen Gitarre begleitet und mit dem Fokus auf dem Text.

Jan Koch spricht die Zweifel der immer später Erwachsenwerdenden aus: War es richtig, in die große Stadt umzuziehen? War es richtig, den Schritt in die Bohème zu wagen? Ist die Beziehung, die ich führe, die richtige? Dabei ist er nicht vordergründig politisch, sondern er reflektiert und sucht nach Erkenntnis. In seinen Gedichten blitzt schwarzer Humor auf, etwa mit der Zeile: „Du hast Dein Messer vergessen – zwischen der dritten und vierten Rippe.“

Bitterböse Medienkritik dagegen im „Dornröschenschlaf“ und auch ein paar derbe Worte. Doch das war kein Problem, die Zuschauer waren alle volljährig. Auch das „Seemannsgarn“, ein wahres (Bei-)Schlaflied, ist mit deutlichen Bildern ausgestattet. Da ist die Rede von einem „steigenden Bug“ und einem „blasenden Wal“. Dicht und traurig dagegen „Zahlender Gast“, ein Lied über das nicht Anerkannt werden, nicht Handeln können und nur Zuschauen müssen. Keines der Lieder ist dabei zu lang, nie rutscht der Zuschauer unruhig hin und her. Jan Koch ist ein Meister des Timings: Seine kurzen und prägnanten Moderationen lassen den Abend zu einem gelungenen Ganzen verschmelzen. Er weiss auch, im rechten Moment Pause zu machen.

Dem Barden Troubadix, der es in den Asterix-Heften immer sehr schwer hatte, widmet Jan Koch eine Hymne. Als „Späte Rache“ steht er der Popakademie Mannheim vor und darf nun selbst über die Fähigkeiten anderer richten. Es ist eher leiser Sarkasmus als lautes Wutgeheul, wenn Jan Koch die Vorzüge Berlins für Künstler und Selbstverwirklicher preist, denen trotz allem nicht der große Durchbruch gelingt. „Wieso Berlin“ enthält die schöne Zeile: „Schatz, lass uns nach Stuttgart gehen // Denn dort find‘ ich Arbeit und nicht nur Ideen.“ Hier singt ein Spezialist der Grautöne und der genauen Beobachtung. Ein Publikum mit wachem Geist und offenen Herzen wird ihm zustimmen und sich schon auf den nächsten Konzertabend freuen.

Gilles Chevalier © 2011 BonMot-Berlin Ltd.

www.jankoch.org

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  1. 16. Dezember 2015 um 19:01

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