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Helmut Schleich: Nicht mit mir! – Kritik

Helmut Schleich - Nicht mit mirGelungenes Auswärtsspiel einer zerrissenen Persönlichkeit

BERLIN (gc) – Das Berliner Mehringhoftheater hat in dieser Woche Besuch aus Bayern: Helmut Schleich gastiert mit seinem aktuellen Solo-Programm „Nicht mit mir!“. Kann das gutgehen, ein Bayer in Preußen? Ist die Gesellschaft wirklich schon so integrationsbereit?

Das Kreuzberger Publikum jedenfalls braucht seine Zeit, ehe es mit diesem kaum zu bändigenden Vollblut-Komiker warm wird.



Den ersten Schritt geht die zerrissene Bühnenpersönlichkeit Helmut Schleich selbst. Schleich steht nämlich nicht nur als Schleich auf der Bühne. Er hat sich eine Reihe von Figuren mitgebracht, die immer wieder von ihm Besitz ergreifen: Da ist Heinrich von Horchen – der Gesangslehrer von Willi Fritsch, Marika Rökk und Johannes Heesters – einer der Helden aus dem Programm ‚Der allerletzte Held‘. Ein würdiger alter Herr, der in Schauspielermanier mit großer Geste seine Geschichten erzählt. Er stützt sich auf seinen Stock, trägt Zylinder und weißen Schal – und ein etwas zu lockeres Gebiss, was seine gelegentlichen Ardigula…, Artikulationsprobleme erklärt. Doch seine Ansichten sind nachvollziehbar: „Die Auflösung der FDP ist Evolution. Es ist ganz normal, dass verschwindet, was nicht mehr gebraucht wird.“

Dann legt Schleich Zylinder, Schal und Stock zur Seite, zieht den Kopf ein und ist auf einmal Franz Josef Strauß. Bösartig schimpft er über das politische Personal heutzutage, nennt die Kanzlerin eine „fast russische Zonenwachtel“ und poltert gegen den bayerischen Finanzminister Markus Söder, der nicht nur „Schwierigkeiten hat, brutto von netto zu unterscheiden, sondern nicht einmal Netto von Penny unterscheiden kann!“ Es sind Minuten, die die volle Aufmerksamkeit des nicht-bayerischen Zuschauers erfordern, wenn Schleich sich über bayernspezifische Themen auslässt. Hier zündet auch nicht jeder bayerisch-katholische Gag sofort. Einfacher wird es freilich, wenn Schleich Franz Josef Strauß und Papst Benedikt XVI. darüber streiten lässt, wer der größere Bayer ist.

Schleich StraussHelmut Schleich hat in seinem Programm „Nicht mit mir!“ keinen wirklichen wirklichen roten Faden. Er lässt stattdessen seine Figuren die Fäden spinnen. Er redet nicht einfach so über den Terrorismus, sondern zeigt eine Veranstaltung der Stammtisch-historiker. Als Vereinsvorsitzender führt er dann im breitesten Bayerisch durch das Treffen.
Doch dann ändert er seine Stimme und seinen Dialekt, um den Psychiater zu geben. Hier kann er in bestem Hochdeutsch seine Patienten mit all den Lebensweisheiten kurieren, die er aus dem deutschen Schlager destilliert hat. Einfach herrlich! Erneut fällt er ins breiteste Bayerisch zurück, spreizt auf seinem Stuhl sitzend die Beine und gibt den Familienpatriarchen, den bayerischen Proll.

Fein und aufmerksam füllt er seine Figuren mit Leben. Er lebt sie regelrecht auf der Bühne aus, taucht mit jedem neuen Charakter tief in eine andere Persönlichkeit und einen anderen Dialekt ein. Die ganz kleinen Dinge sind es, die die Figuren unterscheidbar machen: Ein Atmen, eine Geste, kaum Requisiten. Kleinkunst in Bestform! Schleichs Programm steckt voller phantastischer Ideen, etwa bei der Überlegung, wie Facebook vor 50 Jahren ausgesehen hätte. Und für seine Pauseneinleitung hat er auf jeden Fall einen Preis verdient! Schon allein dafür lohnt es sich, diesen Bayern auch außerhalb seines natürlichen Lebensraumes anzuschauen. Der Dschungel beginnt manchmal auch schon hinter der nächsten Ecke…

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin

die nächsten Termine:
Fr, 24. Februar und Sa, 25. Februar 2012: Berlin, Mehringhoftheater, Tel: 030 – 691 50 99
Mi, 29. Februar und Do, 1. März 2012: Mainz, unterhaus, Kartentelefon: 06131 – 23 21 21
Fr, 2. März bis So, 4. März 2012: München, Lustspielhaus – ausverkauft! –

Alle weiteren Termine und Infos: www.helmut-schleich.de

Die CD zum Programm ‚Nicht mit mir‘ von Helmut Schleich ist erschienen bei: www.wortart.de ISBN 978-3-8371-0954-2

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