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Tim Fischer: Satiriker sind keine Lyriker – Kritik

TIM FISCHER singt... "Satiriker sind keine Lyriker" in der Berliner Bar jeder Vernunft, 8.5.2012

Und Schlagzeilen sind keine Lieder

BERLIN (bm) – Reden wir gar nicht erst um den heißen Brei herum: Von Tim Fischer erwartet man alles andere als einen Abend aus vertonten Schlagzeilen, bei dem die Resignation über die Schlechtigkeit der Welt inklusive der Menschheit nur noch übertrumpft wird von der eitlen Attitüde sich als deren Entdecker auszugeben.

Wahrlich keine leichte Aufgabe hat sich der Chansonnier gestellt mit dem Programm ‚Satiriker sind keine Lyriker‘, das Gerhard Woyda für ihn geschrieben hat. Nicht gerade eine vorteilhafte Entscheidung. Mit seinem Charme, seiner Ausstrahlung und seinem Können als Sänger und Schauspieler rettet er den Abend – unterstützt vom Pianisten Rainer Bielfeldt. Die beiden können sich blind aufeinander verlassen, ein seit Jahren eingespieltes Team, das nun wieder zusammen arbeitet. Schließlich sind sie schon durch Dick und Dünn gegangen.

Sie schaffen es, Woydas sperrige Texte, die sich vehement dagegen sträuben, zu Liedern werden zu lassen. Der Titel prophezeit es ja schon ‚Satiriker sind keine Lyriker‘ – aber sorry, ein Satiriker ist Woyda auch nicht. Da wird aufrichtig geklagt über Afghanistan, Guantanamo, das Kopftuch der Frau im Islam, Krieg, Kinderstrich und Pädophilie in Priesterkreisen. Wohl niemand im Publikum hat derartige Ermahnungen nötig.

Selbst einem so brennenden Thema wie Angela Merkels Hosenanzug widmet der Autor und Komponist einen Song. Zu allem Überfluss schreitet das alles so bedeutend und wichtig daher, klingt manches Mal nach Brecht-Eisler, aber keineswegs trotzig oder kampfeslustig, sondern trüb und düster. Es ist zum Verzweifeln!

„So wat sollnse ma lieba im Berliner Ensemble bringen, aber nicht hier!“, frotzelt eine Berliner Schnauze in der Pause in der Bar jeder Vernunft. Als Tim Fischer zu Beginn des zweiten Teils ins Rampenlicht tritt, hatte man schon fast vergessen, dass er sich zum Ende des ersten ja hinter dem Vorhang erschossen hatte. Da ruft einer: „Mensch, Tim! Jut, dass de noch lebst!“

TIM FISCHER singt... "Satiriker sind keine Lyriker" in der Berliner Bar jeder Vernunft, 8.5.2012

Jetzt wird es insgesamt etwas heiterer, die Themen werden leichter. Beim Lied „Orgasmus“ blitzt der Tim auf, den das Publikum ins Herz geschlossen hat: keck und spitzbübisch, eine sexy Provokation. Rainer Bielfeldt greift kräftig und schwungvoll in die Tasten und grinst dabei so verschmitzt als würde er sich freuen, dass er endlich mal Gas geben darf am Flügel.

Gerhard Woyda, der mit seinen 87 Jahren älter ist, als Tim Fischer und Rainer Bielfeldt zusammen, ist übrigens immer mit auf der Bühne. Bei manchen Liedern übernimmt er die Klavierbegleitung. Er hat im Laufe seines langen Lebens mit Gewissheit sehr viel Gutes getan für’s Kabarett: 1961 das Renitenz-Theater in Stuttgart gegründet, es über Krisen hinweggerettet und bis 2006 geleitet. Sich aufmüpfig behauptet im spießigen Schwabenland. Das Liederprogramm ‚Satiriker sind keine Lyriker‘ gehört leider nicht zu seinen Meisterleistungen.

Dennoch gab es in der ausverkauften Bar jeder Vernunft einen ordentlichen Anstandsapplaus für Gerhard Woyda. Jubel und Begeisterung für Tim Fischer und Rainer Bielfeldt. Die Fans verzeihen diesen Ausrutscher – „So schnell kann doch keine Liebe vergehn!“ – und sind gespannt auf das nächste Programm. Beim nächsten Mal wird alles besser!

Beate Moeller © 2012 BonMoT-Berlin

TIM FISCHER singt... "Satiriker sind keine Lyriker" in der Berliner Bar jeder Vernunft, 8.5.2012

Termine:
noch bis zum 27. Mai 2012: Berlin, Bar jeder Vernunft, täglich außer Montag,
Kartentelefon: 030-883 15 82

Alle weiteren Termine und Infos:
http://www.timfischer.de – Wir bedanken uns für die Fotos bei POP-EYE/ Kempert

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