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Volker Pispers: Bis Neulich – Kritik

Volker Pispers 01 - Foto PRWortgewaltig, willensstark und widerspenstig

BERLIN (gc) – Seit fast zehn Jahren ist Volker Pispers mit seinem Programm „…bis neulich“ unterwegs. Junge und alte Texte kombiniert er darin immer wieder neu. Und obwohl Pispers sagt: „Ich mache seit 29 Jahren Kabarett, ich habe schon alle Koalitionen durch“, sind es doch immer wieder dieselben Themen in seinem Programm: Arbeitslosigkeit, Renten, Gesundheit, Wirtschaft. Das kann man als ein Zeichen für die Beständigkeit der Bundesrepublik Deutschland nehmen. Oder für die Großartigkeit seiner Texte.

Volker Pispers führt eine Bestandsaufnahme der politischen Gegenwart durch. Klingt trocken, ist aber ausgesprochen unterhaltsam. Er redet sich in Rage über dumme Sprüche, wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“ oder „Ich will die Menschen mit der Politik versöhnen“. Dieser Satz stammt von Joachim Gauck, dem Bundespräsidenten der Herzen, aber Pispers „hätte so gerne mal einen mit Hirn gehabt!“

Prognosen und das mit ihnen getriebene Schindluder bringen ihn zur Weißglut. Insbesondere: „Wirtschaftsforscher. Da haben sie intelligentere Lebensformen auf ihrem Plüschvorhang.“ Er fragt, ob es wirklich eine „Kampfkandidatur“ ist, wenn sich zwei Politiker für einen Parteiposten zur Wahl stellen. Gleichzeitig kann er einem Oskar Lafontaine nachweisen, kein richtiger Demokrat zu sein – stellt sich dieser doch nur zur Wahl, wenn es keine Gegenkandidaten gibt! Schließlich ist „Demokratie Streit und Kampf, und nicht selige Geschlossenheit!“

In das eindeutig erscheinende Schwarz-Weiß-Denken fügt der Künstler schmuddelige Graustufen ein: Nach dem vom Westen bejubelten arabischen Frühling führten freie Wahlen zu einem Erstarken religiöser Parteien. Mit den Religiösen will der Westen aber nichts zu tun haben. Ist das ok? Oder die nach Aktenlage zusammengestellten Todeslisten des US-Präsidenten mit Namen von Terror-Verdächtigen. Was unterscheidet das Zusammenstellen dieser Listen von der Methode des Norwegers Anders Breivik, der gerade in Oslo vor Gericht steht? Streckenweise steckt in jedem zweiten Satz des Programms ein Lacher, der im Halse steckenbleibt.

Volker Pispers 02 - Foto PR„Wir müssen über den Kapitalismus reden“, beginnt er den zweiten Teil des Programms, denn „Zins und Zinseszins führen ins Verderben.“ Damit ist das Thema gesetzt. Die Verführung zum Geldausgeben bringt er auf den Punkt: „Lebe jetzt – zahle später. Man kauft Dinge, die man nicht braucht, von Geld, das man nicht hat.“ In anschaulichen Bildern skizziert er die Ursachen der Euro-Krise, die eigentlich eine Bankenkrise ist: Geld, das in Wirklichkeit nicht existiert, wird verliehen, und die Schuldscheine darüber werden an der Börse gehandelt. Das ist intelligent gemacht und ausgesprochen kurzweilig.

Pispers legt viel Wert auf den Unterschied zwischen Wirtschaftsform und Staatsform: Diktaturen kann es schließlich auch im Kapitalismus geben… Man spürt, wie sehr er sich eine andere Wirtschaftsform herbeisehnt. Solange die noch nicht eingeführt ist und ihre Probleme noch ungeahnt sind, wirkt sie natürlich besonders rosig. Pispers ruft zum Umsteuern auf und fragt, ob man mit so existenziellen Dingen wie Strom, Gas und Wasser Geld verdienen soll. Es kommt zu den Master-Fragen: „Wie wollen wir leben?“ Oder auch: „Wovor haben Sie Angst? Vor dem Islam oder davor, in 20 Jahren schlecht versorgt im Altersheim zu liegen?“ Der Konservative kennt dagegen „nur einen Wert: Die Kohle. Deshalb nennen wir sie auch die Schwarzen.“ Mitdenken und Mitlachen liegen hier sehr dicht beieinander.

Volker Pispers hat sich nach diesem Gastspiel im seit Monaten ausverkauften Mehringhoftheater in die Sommerpause verabschiedet. Aber auch Ende August werden seine Texte und Themen noch aktuell sein. Und eine ganze Reihe seiner Auftritte sind bereits jetzt ausverkauft. Zu Recht!

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

nächste Termine:
Do, 23. August 2012: Soest, Stadthalle Soest, Kartentelefon: 02921 – 311 01
Fr, 24. August 2012: Beverungen, Stadthalle
Sa, 25. August 2012: Bad Salzuflen, Konzerthalle
Mi, 29. August 2012: Oberhausen, Ebertbad

alle weiteren Infos und Termine: www.volkerpispers.de

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. mmsxlog
    21. Oktober 2013 um 10:38

    Ich finde es toll, dass sich auf liveundlustig immer mehr aufmerksame Leser einfinden – weiter so!

  2. rené zschoche
    9. Oktober 2013 um 02:30

    Duschvorhang, nicht Plüschvorhang!

    • 19. Oktober 2013 um 18:07

      Na klar, Duschvorhang muss es heißen! Hoffentlich wurde durch diesen verplüschten kleinen Fehler nicht der Sinn des Zitats komplett verdreht. Wir bitten um Verzeihung und gehen erst mal duschen.

  1. 23. Januar 2013 um 08:51

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