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Christof Stählin zum 70. Geburtstag

Christof Stählin 2012Der Dichter und Denker, Liedermacher und Kabarettist. Der fängt die Welt mit Worten ein – Christof Stählin

André Heller hat‘s gesungen: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“
Dass er recht damit hat, zeigt Christof Stählin. Der freundliche und gesellige Einzelgänger, der in einer Welt, die Pop statt Poesie verheißt, ohne Zornesfalte den Gegenbeweis antritt. Freilich ist er nicht populär, berühmt aber doch. Dieser kleine aber wichtige Unterschied beschreibt Christof Stählin recht genau. Seine Welt ist seit mehr als 50 Jahren umrissen, das Spielfeld für all seine Poesie abgesteckt, dazu kommt die Leidenschaft, Grenzen gelegentlich aus Prinzip oder einfach aus spitzbübischer Lust zu überschreiten. Sein Versmaß ist präzise, die Reime überraschend wie auch sinnstiftend und er ist ein grandioser Geschichtenerzähler, der die Welt mit Worten einfängt, ihr also nichts andichtet. Vermutlich besingt er die Welt, weil es in ihr anbetungswürdige Damen gibt.
Und schließlich hat er eine Ausstrahlung, die andere zu poetisieren verleitet.

Der Liedermacher
Angefangen hat der protestantische Pfarrerssohn als Minnesänger. Beseelt von Madrigalen hat er mit dem späteren Theaterenthusiasten Michael Wachsmann zusammen Liebeslieder aus der Shakespeare-Zeit gespielt. Mit Erfolg. Auf Burg Waldeck, wo er in den sechziger Jahren Reinhard Mey, Hannes Wader oder Dieter Süverkrüp kennen lernte, die gerade dabei waren populär zu werden. Als die Burg von den Ideologen übernommen wurde, zog er sich zurück und trat mit eigenen Liedern auf. 1974 veröffentliche er seine erste Langspielplatte „Privatlieder“. Beim Liederschreiben brachte er es zu einer Meisterschaft, die von vielen geschätzt, wenn nicht bewundert wird. Er kann sich alltägliche Dinge vornehmen und damit über die Welt und das Leben erzählen. Selbst sein Lied über eine Kuh, geht weit über den landwirtschaftlichen Horizont hinaus und sein Witz dabei ist leise und klug. Der Ursprung seiner Musik ist die Renaissance, und sie hat einen erzählenden Gestus.

Sein Instrument, die Vihuela, ein spanisches Saiteninstrument aus der Renaissance, unterstützt diesen erzählenden Eindruck. Christof Stählin beim Singen zuzuhören ist ein Abenteuer, weil er mit seinen Gedanken eine Welt öffnet, die frei von allen gedanklichen und sprachlichen Klischees ist und nach dem Wesentlichen sucht. Er will den Dingen auf den Grund kommen.

Johann Christian Günther (1695 – 1723)
Als Liedermacher hat er eine Leidenschaft für sich entdeckt. Sie heißt Johann Christian Günther. Geboren ist er 1695. Mit 20 Jahren wurde er von seinem Vater nach Wittenberg geschickt, um Medizin zu studieren. Er aber fing an zu dichten. Es kam zum Bruch mit dem Vater, die Hand seiner Liebsten wurde ihm verweigert, sein Leben fristete er als freier Autor, eine Anstellung als Dichter am Dresdner Hof kam nicht zustande und mit 28 Jahren starb er. Stählin bedauert, dass der junge schwärmende Dichter nicht zu einem der deutschen Nationaldichter geworden ist. Er bewundert Günthers Leichtigkeit und Heiterkeit, seine feine aber auch freizügige Erotik und die Leidenschaft. Obgleich er in der Zeit des Barock gelebt hat, gilt er als Wegbereiter des Sturm und Drang. Stählin hat viele Gedichte von Günther vertont, besonders, weil, wie er sagt, die Verse allein schon zu singen scheinen. Zwei Schallplatten hat er mit ihnen in der Hoffnung eingespielt und veröffentlicht, damit Johann Christian Günther etwas der Vergessenheit zu entreißen.

Der Kabarettist
So erlebt man ihn auch als Kabarettist: Als ein Geschichtenerzähler, der es mit den Formulierungen genau nimmt. Seine Pointen markieren die springende Punkte. Er überrascht mit Bekanntem. Wenn er über Casanova erzählt, beschreibt er den Reichtum an Geist und Erotik. Dabei ist er ein Meister der Andeutung, die tief blicken lässt, und die Erotik beginnt zu Schwingen zu Singen. Und wenn er über Preußen erzählt, wird eine längst vergangene Zeit in aufregender Art lebendig. Da ist er in seinem Element. Im Grunde genommen ist er für den Zeitgeist einfach zu klug. Die bürgerliche Bildung wurde in den Schulen abgewählt, die Intellektuellen sind ausgestorben, jene also, die trotz profunder Kenntnisse in ihrem beruflichen Fach sich auch noch für Kunst und Kultur lebhaft interessieren. Die Dinge des Alltags bestimmen das begrenzte Feld, auf dem sich der Kulturmensch heute informiert bewegt.
Christof Stählin reagiert mit seinen Programmen „Die Kunst der Herablassung“. Da reagiert er auf die allgemeine Ignoranz mit ausgesuchter Arroganz im Sinne eines Dandys. Dabei ist sein Witz nicht brüskierend, er erscheint, wie er selbst sagt, als warmherziger protestantischer Dandy. Er vermag es, ebenso heiter wie spitzfindig aus den „Schluchten des Alltags“ Geschichten zu ziehen. Und wieder glänzt dabei seine Formulierungskunst.

Der Essayist
Seine Vorträge oder Essays lassen am ehesten verstehen, dass Tradition nicht Rückschritt bedeuten und konservativ nicht unbedingt reaktionär heißen muss, sondern ganz einfach auch die Werte bewahrend. In diesem Sinne ist Christof Stählin konservativ. Und er trachtet dabei immer danach, die verstaubte Vergangenheit mit der polierten Gegenwart zu verbinden. Das ist ja auch die gleiche Geschichte, nur eben von Anfang an erzählt.

So soll besonders sein Essay über Alexis de Toqueville hervorgehoben werden. Der gilt als der Begründer der Politikwissenschaften, und Stählin zeigt mit Zitaten und Gegenwartsbezügen, wie nah der Denker aus dem 19. Jahrhundert an der Gegenwart gewesen ist. Da hinter steht natürlich die Position eine Konservativen: Ist doch alles schon gesagt. Das aber sagt Christof Stählin mit dem Charme und der Bescheidenheit eines Menschen, der weiß, dass er den Stein der Weisen nicht gefunden hat.

Glückwunsch

Live & Lustig gratuliert dem Dichter und Denker, Liedermacher und Kabarettisten zu seinem 70. Geburtstag, wünscht ihm Glück und Wohlergehen und bedankt sich für seine vielfältigen Geschenke in Worten und Musik.

Harald Pfeifer © 2012 BonMoT-Berlin

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