Startseite > Chanson/ schräges Liedgut, Kritik, Premiere > Heisse Zeiten – Ein musikalisches Hormonical – Premierenkritik

Heisse Zeiten – Ein musikalisches Hormonical – Premierenkritik

wechseljahre_1_BoehnerMit stumpfem Kajal gezeichnet:
Ein musikalischer Frauenabend

BERLIN (gc) – Mann ist fortschrittlich, Mann ist für die Gleichberechtigung – und trotzdem verblüfft, wenn nur Frauen spielen! Gleich acht Damen sind es in „Heisse Zeiten“, dem musikalischen Hormonical von Tilmann von Blomberg: vier Schauspielerinnen und vier Musikerinnen. Und, zugegeben, die Stimme Viktor Neumanns aus dem Lautsprecher. An diesem Dienstag feierte das Stück in den Berliner Wühlmäusen vor ausverkauftem Haus seine Berlin-Premiere.

Das Abflugterminal eines Flughafens. Für den Flug nach New York finden sich die vier Passagierinnen ein. Drei davon sind jenseits der 50. Sie haben Zeit sich kennenzulernen, weil sich der Abflug aus verschiedenen Gründen immer wieder verzögert. Für Berliner Verhältnisse dabei ungewöhnlich: Sie wissen, dass der Flughafen bereits in Betrieb ist…

wechseljahre_5_boehner

Die vier Damen sind Prototypen: Da ist „Die Vornehme“, gespielt von Inez Timmer. Wunderbar, wie sie über den Dingen schwebt und stocksteif alle Banalitäten und Gefühlsduselein an sich abprallen lässt. Anfangs. „Die Karrierefrau“, herrlich hektisch und in ihren Bewegungen eckig dargestellt von Dagmar Hurtak-Beckmann, will weiterkommen und hat alle und alles fest im Griff. Zunächst. „Die Junge“ ist als einzige noch weit vom 50. Geburtstag entfernt. Susanne Eisenkolb verkörpert diese Dauerverlobte mit überzeugender spätjugendlicher, sorgenfreier Naivität. Vorläufig. Angelika Mann ist „Die Hausfrau“ und fliegt zum ersten Mal. Prima, wie sie das Unbedarfte und Sorgende verkörpert und gleichzeitig durch ihre Lebenserfahrung nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Fürs Erste.

Denn der Schein trügt. Bei genauerer Betrachtung sind die vier Damen ganz anders, als zunächst vermutet: Die Karrierefrau hat in Wirklichkeit recht wenig im Griff und hält sich für nicht liebenswert und beziehungsunfähig. Die Vornehme hat einen nicht bewältigten Konflikt mit ihrem Vater, die Junge will mit aller Macht schwanger werden, und die Hausfrau ist mit einem lebensunfähigen Ehemann geschlagen. Sie alle sind Gefangene ihrer Probleme – und der Situation am Flughafen. Sie alle eint, unglücklich zu sein.

Doch mit Hilfe der vier feschen Stewardessen, die sich sehr schnell als Band entpuppen, kann die Situation entspannt werden. Das gelingt mit einer Reihe Welthits, die mit neuen Texten versehen wurden: Aus „Is this the Way to Amarillo“ von Tony Christie wird dann „Ich freu‘ mich auf die Wechseljahre // weil ich dann nur noch first class fahre“, gesungen von der Hausfrau, um der Jungen Mut zu machen. „Pretty Woman“ von Roy Orbison wird für die Karrierefrau zur „Busy Woman“ und die Junge singt von „Depressionen“ zur Musik von Irene Caras „Flashdance – What a Feeling“. Die neuen Texte zu bekannten Melodien sind den ganzen Abend lang ein großer Spaß.

wechseljahre_3_Boehner

Zusammen mit der Choreographie der vier Damen gelingt es, den Bogen zur leichten Unterhaltung zu schlagen. Denn es hat sehr viel, wenn Angelika Mann als tapsiger Tanzbär von nebenan gerade nicht alle Bewegungen in Perfektion ausübt oder hin und wieder die Damen bei einer Tanzeinlage nur von hinten zu betrachten sind. Und allein durch den gleichzeitigen Verzehr von Eis am Stiel die einzelnen Charaktere deutlich auszumalen, ist eine tolle Idee: etepetete, lasziv oder einfach hungrig.

Doch der Abend kommt nicht recht in Fluss. Die Charaktere werden immer wieder beschrieben und es dauert sehr lange, bis ein Handlungsfaden erkennbar wird. Sind die Probleme der Figuren ausgebreitet, werden sie regelrecht zerkaut – bis am Ende im Handumdrehen, nein, im Lidschlag alles aufgelöst werden. Es wendet sich natürlich zum Guten in dieser Mischung aus Musical, Theaterstück ohne fortlaufende Handlung und Revue ohne aufwendige Kulisse oder Kostüme, aber mit dem Generalthema „Wechseljahre“.

Nervosität, Zickigkeit, Heulkrämpfe und Depressionen greifen um sich. Da werden die Vorzüge von Viagra diskutiert, die Erfahrung des Alterns wird mit der Textzeile „Altern macht Spaß in der Weeerbung“ auf Petula Clarks „Downtown“ gemacht, und es erklingt das Hohelied auf die Kosmetik. Ganz schön dicke Stifte, mit denen da zeitweise das Frauenbild gezeichnet wird.

Angelika_Mann__Boehner_kleinManchmal scheiden sich auch die Lacher aus geschlechtsspezifischen Gründen. Wenn Angelika Mann clowneske Verrenkungen auf den Schalensitzen vollführt, ist das für alle lustig. Dass der Grund dafür in einer verrutschten Slip-Einlage besteht, ist einem Mann zunächst schwer zu vermitteln. Auch ist so etwas wie ein erschlaffter Beckenmuskel, der durch ein Blues-Arrangement von David Hasselhoffs „I’ve been looking for Freedom“ wieder in Form gebracht wird, für die meisten Herren im Saal Neuland gewesen. An solchen Stellen lacht es sich von Frau zu Frau viel herzhafter. Hitzewallungen gab es dafür am Ende dieses Abends für alle im Saal, doch das war nur der sommerlichen Witterung geschuldet.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin

noch bis zum 19. August 2012 in Berlin bei den Wühlmäusen

  1. Du hast noch keine Kommentare.
  1. 12. Juli 2012 um 21:21

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: