„Cabaret“ vom Amateurtheater – Premierenkritik

Tief geschürft, perfekt geschliffen: Meisterstück aus der Provinz
Bravo für Regisseur Ulrich Schulz und die Niederstettener Tempele-Crew

Cabaret Niederstetten  02 © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.deNIEDERSTETTEN (ib) – „Willkommen, bienvenue, welcome“: Aus dem Niederstettener Tempele schallt der Musical-Ohrwurm in erstaunlicher Live-Qualität. Über ein Jahr hat sich die Amateur-Theater-Truppe mit großem Respekt und viel Akribie auf die Herausforderung vorbereitet, ein Musical auf die Freilichtbühne zu bringen.

Ein Musical – und das nicht nur mit Schauspiel-, sondern auch mit Gesangsamateuren! Kann das gut gehen? Und dann auch noch mit Ulrich Schulz, dem Kölner Kostüm- und Bühnenbildner, seit 2000 Tempele-Stammregisseur mit klarer Vision und höchstem Anspruch.

2002 inszenierte er hier den „Besuch der alten Dame“. Zehn Jahre vorher war Schulz zunächst als Kostüm- und Bühnenbildner zur Truppe gestoßen, die 1991 mit der zunächst nur fürs Stadtjubiläumsjahr geplanten Umsetzung des Niederstettener Autors Gottlob Haag „Götz vo Berlichinge“ das Licht der Welt erblickt hatte. 2004 folgte die „Falstaff“-Inszenierung, 2006 „Amadeus“, 2008 Shakespeares „Sturm“, vor zwei Jahren das „Weiße Rössl“ – und jetzt eben mit „Cabaret“ ein höchst anspruchsvolles Musical. Immer weiter getrieben hat Schulz in diesen Jahren die Tempele-Akteure. An den stets neuen Herausforderungen sind sie gereift und Jahr für Jahr gewachsen.

Cabaret Niederstetten  03 © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.deSchulz, Jahrgang 1952, folgt unbeirrt seinen Theatervisionen. Wie er die Stoffe auf die Bühne bringt, ist immer einzigartig. Die Bühnenbilder: Perfekt, stets überraschend, nie überladen und dennoch opulent.

Der Regisseur, ein Lichtstimmungsmaler par excellence, gestaltet Spielflächen und damit Welten: „Amadeus“ setzte er in einen riesigen Goldrahmen, in der Sturm-Inszenierung war es eine Kippbühne, die den Schiffbrüchigen rettende und zugleich irritierende Zuflucht bot, fürs „Weiße Rössl“ schuf er See, Stall, Hotel. Seit „Amadeus“ baut er zunehmend Tanzchoreografien ein – das Kuhballett im „Rössl“ vergisst so leicht keiner -, fordert den Spielern mehr und mehr Gesangselemente ab, ohne den kleinsten Abstrich an schauspielerischer Qualität, an glaubhaftem Ausdruck in Wort, Geste, Haltung, an Durchdringung der jeweiligen Rollen zuzulassen.

Im Gegenteil: Auch hier fordert er mehr und mehr und mehr – und er bekommt es, zur Begeisterung des Publikums, das aus immer weiterem Umkreis anreist, um die einzigartigen Inszenierungen anzusehen.

Cabaret Niederstetten 04 schultz und schneider © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.deDa erleben Zuschauer in diesem Jahr etwa eine gewaltig weiter gereifte Sandra Fink in der Rolle des Fräulein Schneider als resignierte kleinbürgerliche Überlebenskünstlerin, die sich aus Not der wachsenden Nazi-Mehrheit anpasst und auf die Verwirklichung des späten Lebensglücks mit dem von Roland Wunderlich ebenso überzeugend dargestellten jüdischen Obsthändler verzichtet.

Es wird verständlich, warum so viele eben nicht rechtzeitig, auch nicht nach der „Kristallnacht“, die Flucht ergriffen; es wird nachvollziehbar, auf welcher Grundlage sich Mitläufertum entfaltete und der anfänglichen Minderheit zur Macht verhalf. Perfekt gestalten Fink und Wunderlich auch das durch „Schattensänger“ erweiterte, durch Wechsel in den Sprechgesang intensivierte Duo „Heirat“.

Cabaret Niederstetten  05 cliff und sally © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.deUnter der Anleitung von Schulz wächst auch ein Michael Weber-Schwarz in der Rolle von Clifford Bradshaw regelrecht über sich hinaus. Der amerikanische Jungautor will im elektrisierenden und schon am Rand des Abgrunds tänzelnden Berlin mehr aus der unverhofften Affäre mit Nachtclubsängerin Sally Bowles machen. Auch sie – von der Tempele-Neuentdeckung Helen Davies in Tanz-, Gesangs- und Spielszenen hervorragend verkörpert – entwickelt sich vom kleinen Nachtklubsternchen, das als Dance- und Showgirl im Schulmädchen-Karo-Mini schwülstige Bedürfnisse bedient, zur liebevollen Freundin der ältlichen Pensionswirtin, zur auf Verwirklichung von Mutterfreuden hoffenden Liebenden, die dann doch Karrierehoffnung über Liebeskummer setzt. Sie punktet mit Songs wie „Cabaret“, „Money, Money“, „Mein Herr“, „Maybe this time“.

Bis in die feinsten Seelenschichten schaut dieser Regisseur hinein, dem es gelingt, auch den zum Sprung an die Macht ansetzende „völkische Jugend“ etwa durch den angehende NS-Parteibonzen Ludwig (Roland Dietz) und die Kleinprostituierte Fräulein Kost (Nadja Trotzer) ganz ohne Maskerade so echt zu gestalten, dass einem Schauer über den Rücken laufen. Ja, diese Sorte Mensch – nett, lebenslustig, leichtfüßig am Legalitätsaußenrand balancierend – hatte und hat noch immer beste Chancen, ganz leise, stickum unter der Hand jedem Bösen Vorschub zu geben. Auch die Revuegirl-Tänze, eingangs Glitter-Augenweide im Tingeltangel-Straps und beim Pseudo-Nackttanz, werden zunehmend militarisiert, paradieren mit Helm und Schießprügel, bis alles in Scherben fällt.

Cabaret Niederstetten  07 © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.de

Mit „Volkstheater“ hat die Schulz-Inszenierung, bei der die Bühne weit ins Publikum ausgedehnt wird und die Besucher ihrerseits an Tischchen mit roten Lämpchen mit dem Bühnenbild-Ambiente verschmelzen, nichts mehr zu tun. Da sind – doch das ist nur die Oberfläche – die Kit-Kat-Club-Szenen vom Revuetanz über die Couplets bis zur schwülstig roten Gesamtatmosphäre teilweise so frivol, halbweltlich, frech, manchmal bis an den Rand der Schlüpfrigkeit führend, wie man es nie und nimmer in einem 5000 Einwohner-Örtchen erwarten würde.

Hinter der mit viel Esprit gekonnt gewürzten Choreographie und Kostümbildkunst steckt noch viel mehr: Gründlichste, in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit dem Stoff ist die Basis einer extrem vielschichtigen Inszenierung, die die oft so feinen Kippstellen und Wahrnehmungsverschiebungen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung durch eingeflochtene Einschübe, meisterhaft gesetzte Stimmungswechsel, exzellent getimte Brems- und Freeze-Manöver sowie gestische und mimische Kommentare etwa der von Ringo Wunderlich und Markus Martin pointiert umgesetzten beiden Conferenciers greifbar macht. Zusatzhighlight: Ringo Wunderlichs „If you could see her through my eyes“ als Affentanz (mit Tamara Heckmann) vor aufs Obstladenschaufenster geschmierten Hakenkreuz.

Die kleine Combo unter der Leitung von Hermann-Josef Bayer stützt nicht nur die Amateursänger, sondern leistet ebenfalls analysierend und kommentierend Erkenntnisbeiträge.

Die vielschichtige und facettenreiche Inszenierung aus einem Guss, der man das Amateurtheater kaum noch abzunehmen vermag, verdient uneingeschränkt Bewunderung.

Text und Fotos Inge Braune © 2012 BonMoT-Berlin Ltd.

Weitere Aufführungen noch bis zum 29. Juli 2012, jeweils um 20.30 Uhr im Freilicht-Theater Tempele in Niederstetten – www.theater-niederstetten.de

Cabaret Niederstetten 08 finale © 2012 Inge Braune BonMoT-Berlin www.liveundlustig.de

Ein Gedanke zu “„Cabaret“ vom Amateurtheater – Premierenkritik

  1. Michael Weber-Schwarz 17. Juli 2012 / 15:26

    Sehr, sehr freundlich. Ich halte diese Inszenierung – kleine Anmerkung – aber dezidiert für Volkstheater!

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