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Opa revoluzzt, und der brave Enkel stutzt – Kritik

Venske & Sting – Foto © Harald HoffmannHenning Venske und Kai Magnus Sting: „Gegensätze“

BERLIN (gc) – Berlin-Premiere zwei Wochen nach der Uraufführung! So schnell sind Henning Venske und Kai Magnus Sting mit ihrem Programm „Gegensätze“ bei den Wühlmäusen. Fast 40 Jahre Alters-unterschied liegen zwischen den beiden Künstlern.

Und einen ganz eigenen Umgang mit den Texten pflegen sie auch: Hier der schnell sprechend, atemlos agierende Pointenzauberer Kai Magnus Sting, dort der gelassene, geistreiche Resümeezieher Henning Venske.

Dabei machen sie sich ihre Lacher aber nicht streitig, denn sie spielen miteinander, nicht gegeneinander. Es geht an diesem Abend aber nicht nur um so vordergründige Themen wie alt gegen jung oder arm gegen reich – es geht vor allem um den Sessel, auf dem Opa sitzt und den der Enkel gerne in sein Zimmer im Studentenheim stellen möchte. Und Opa ist natürlich nicht im Heim, sondern in der Seniorenresidenz. Er träumt von einer Porzellantasse für seinen Blasentee und fragt: „Ist das schon Anspruchsdenken?“

„Sei froh, kein Bahnhof oder Flughafen zu sein, sonst gäbe es schon längst eine Bürgerinitiative, um Dich abzuschaffen“, sagt Sting zu Venske, als das Gerangel um den Sessel zu einem persönlichen Streit eskaliert. Gemeinsam suchen sie nach der Altersgrenze, denn „Senior klingt für mich immer, wie zu wenig Essen auf dem Teller“. Sie wagen Exkurse zur kosmetischen Chirurgie, zur Meinung und ihrer Entstehung und landen schließlich bei der Bundeswehr und ihren Mahnmalen.

Denn Venske weigert sich, ein Bundesfreiwilliger zu werden: „Rentner in den Zivildienst zu schicken, ist pervers!“ Lieber bringt er „als Soldat Frieden in Länder, in denen noch gar kein Krieg herrscht“. Zeitweise erwartet den Zuschauer schwere politische Kost. Wer schenkelklopfende Heiterkeit sucht, kommt hier nicht auf seine Kosten. „Gegensätze“ ist ein Programm für alle, die Spaß an absurden Gedankengängen haben. Tief in seinem Herzen ist der Ältere der beiden nämlich immer noch ein Revoluzzer, während der Jüngere sich schon zu sehr dem Konservatismus und dem Angepasst Sein verschrieben hat.

Der zweite Teil des Abends spielt im Zimmer des Studentenheimes, wo Sting in Ruhe auf besagtem Sessel sitzt, weil er das Schreiben seiner Doktorarbeit an einen wissenschaftlichen Mitarbeiter in Bayreuth ausgelagert hat. Dafür ist er jetzt schon „Vice-President der Praktikanten“ und weiß ganz genau: „Was meine Firma an Steuern zahlt, wird vom Flaschenpfand gedeckt, das bei den Betriebskosten anfällt“.

Gemeinsam entwickeln sie atemberaubende Thesen zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit und Jugendkriminalität. Wenn es darum geht, den Finger in die gesellschaftlichen Wunden zu legen, können Venske und Sting wieder zeigen, wie nah sie sich in Wirklichkeit sind. Nach diesem großartigen Abend klassischen politischen Kabaretts hallen ihre Ideen noch lange in den Köpfen der Zuschauer nach.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

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Kategorien:Kabarett, Kritik
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