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Tiefstapler im Tiefkeller – Kritik

Team & Struppi - Foto PR St. IngbertTeam & Struppi im frisch bezogenen Pantheon-Casino

BONN (rh) – Südlich der Bonner Südstadt mit ihrem Gründerzeitcharme, brütet seit über 40 Jahren im Stadtteil Gronau ein blassgrauer Gebäudekomplex namens „Bonn-Center“, direkt an der Kreuzung Reuterstrasse/ Bundeskanzlerplatz.

Das einst hier beheimatete Luxushotel hat längst das Weite gesucht. Dabei ist die Nachbarschaft heute durchaus attraktiv. Museum König, Museumsmeile, Telekom-Zentrale sind nahezu fußläufig erreichbar.

Kaum zu glauben, dass in den ungemütlichen Eingeweiden dieses Ausläufers des ehemaligen Regierungsviertels eines der bundesweit best bekannten Kabarett-Theater Wohnung genommen hat. Vor 25 Jahren begann das Pantheon sich in diesen Teil des Bonner Untergrunds zu graben, als „sinnstiftende Wiedergutmachung am Abend“ (Rainer Pause).

Der Besucher hingegen fragt sich indes schon bei der Anreise, welchen Sinn es wohl haben mag, größere Teile dieses Abends an geschlossenen Bahnschranken zu verbringen. Aber so ist das eben in Bonn. Das wusste auch schon der Schriftsteller und Bonn-Kenner John Le Carré: „Entweder es regnet oder die Bahnschranken sind ‘runter“ schreibt er in seinem Roman ‚Eine kleine Stadt in Deutschland‘.

Regen und Schranken sind auch aktuelle Stichwörter des „Kulturkonzepts“ dieser kleinen Stadt. Regen für das Beethovenfest (von einst 1,3 auf 1,6 Millionen Euro seit 2011 pro Jahr), Schranken für weniger bedeutende Kulturstätten wie das Pantheon-Theater (0,0 Millionen Euro für 2012, nach Auskunft von Harald Kirsch vom Pantheon). Hätten Kulturförderer wie Ferdinand Fürst Kinsky oder Erzherzog Rudolph weiland ein ähnliches „Konzept“ verfolgt, müsste man heute kein Beethovenfest feiern, und die Stadt Bonn könnte jährlich 1,6 Millionen Euro sparen – mindestens.

Nachdem ein vielversprechendes Renovierungskonzept für das Pantheon von Designern der renommierten Köln International School of Design – KISD – um Prof. Dr. Michael Erlhoff an den Kosten gescheitert war, hatte der Hausmeister des Bonn-Centers eine zündende Idee: Der ausgebrannte Partykeller des früher dort ansässigen Luxushotels war seit Jahren verwaist und bot sich daher als zusätzlicher und auch preiswerter Veranstaltungsort für subversive Kabarett-Aktivitäten an.

Im April 2012 schlug dann die Geburtsstunde des Pantheon-Casinos anlässlich des Prix Pantheon. Ein doppelgeschossiger Tiefkeller mit einem Fassungsvermögen knapp um die Feuerwehrgrenze. Ungefähr die Hälfte des Mutterkellers.

Sofaecken zwischen entblößten Betonmauern, Lichtstimmungen wie in einer Tropfsteinhöhle, Deko-Elemente aus den späten Sechzigern, auch auf den Toiletten. Fast könnte man meinen, Rolf Zehetbauer sei für die Dekoration verantwortlich gewesen, der Kulissenmeister über das Raumschiff Orion. Nicht jedoch dieser Urvater des Bühnenbaus war hier am Werk, sondern die künstlerische Leiterin des Pantheon Martina Steimer.

Pantheon Casino HirschAn diesem Tag treten hier zwei inzwischen preisgekrönte Pfannenträger auf: Moritz Neumeier und Jasper Diedrichsen, auch bekannt als Team & Struppi, Gewinner der Sankt Ingberter Pfanne 2012. Im Gründungsjahr des Pantheon waren beide noch nicht einmal geboren. Und mit Hergés Tim und Struppi von 1929 haben die beiden Kampfplauderer aus Schleswig-Holstein auch gerade mal gar nichts zu tun, lediglich eine gewisse Ähnlichkeit bei den Frisuren lässt sich aus der Ferne ausmachen.

Sie wirken auf der Bühne zunächst so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Aber das täuscht. Tatsächlich haben es die beiden faustdick hinter den Ohren. Dabei wollen sie doch nur spielen – und zwar Kabarett spielen. Allerdings reicht ihnen das nicht. Sie wollen auch diskutieren, mit ihren Zuschauern diskutieren. Was eigentlich kann man berechtigterweise vom politischen Kabarett erwarten und was nicht?

Thematisch schlagen die beiden Junghasen Haken, dass es einem schwindelig werden kann: Einigkeit und Recht und Freiheit – Aufstand und Kommunismus und freie Liebe. Soziale Fischernetze im Land von ALG I-X, beschnittene Banker und ein getürkter Günter Wallraff. KiK-Kunden mit gelben Sternen, Mauerfall ohne Flashmob, Jugend ohne Zukunft. Drogenkulturkahlschlag. Frauenwahlrechtsextremismus. Bildungsvergewaltigung. Und das alles noch vor der Pause.

Ja, liebe Sponti-Eltern, sowas kommt bei Eurer antiautoritären Erziehung eben nun mal heraus. Da müsst ihr jetzt mit leben. Immerhin haben die beiden kein Gras geraucht, jedenfalls nicht auf der Bühne, trugen keine Blumen im Haar und nackig haben sie sich auch nicht gemacht. Weitestgehend.

Wer ist eigentlich schuld an der Jugendkriminalität? Blöde Frage. Die Jugend natürlich. Da hätten Sie auch selbst drauf kommen können.

Eine Dame in der zweiten Reihe findet das alles „verstörend“ und informiert ihre männliche Begleitung so lautstark darüber, dass man es bis in die Galerie hinauf hören kann. Team & Struppi kennen das schon. Beim Kabarettpreis Stuttgarter Besen diskutierte am Schluss das ganze Publikum mit.

Das Bonner Publikum nutzt an diesem Abend zwar nicht die gesamte Kapazität der 130 Sitzplätze des Pantheon-Casinos, bildet aber die gesamte Bandbreite der potentiellen Team & Struppi-Kundschaft in eindrucksvoller Weise ab: Gymnasiasten verschiedenen Geschlechts, Studienräte mittleren Alters und Apothekerinnen, die sich für Wissenschaftlerinnen halten.

Vom Pantheon waren die beiden angekündigt mit „Reden vor dem Nationalkonvent“. Möglicherweise wurden hierdurch auch noch vereinzelt Historiker und Überlebende der französischen Revolution angelockt. Tatsächlich aber gibt es Ausschnitte aus dem Programm „Die Machtergreifung“.

Am Schluss ist das Publikum von der Macht der klaren Worte so ergriffen, dass Team & Struppi mehrfach Zugaben geben müssen. Zugegeben, die beiden arbeiten aber auch mit mehr oder weniger schmutzigen Tricks: Sie behaupten immer wieder, dass sie den nächsten Programmpunkt eigentlich gar nicht beherrschen und machen es dann trotzdem: Klavierspielen, Singen, Quetschkommode bedienen. „Dafür, dass sie das eigentlich gar nicht können, dafür war’s aber ziemlich gut“ denkt das Publikum dann wohl jedes Mal.

Große Teile des Programms sind auch eigentlich längst gestrichen – angeblich, oder sollen demnächst gestrichen werden – angeblich. Wenn die beiden so weitermachen, besteht die komplette „Machtergreifung“ irgendwann nur noch aus eigentlich gestrichenen Passagen. Also eine Art Streichkonzert, dass sie sicher auch nicht beherrschen – angeblich. Nach den bisherigen Erfahrungen mit Team & Struppi wird das bestimmt auch wieder ziemlich gut werden.

Am 29. Oktober 2012 treten sie zusammen mit Torsten Sträter beim Köln Comedy Festival auf. Mal sehen, was da wieder alles gestrichen worden sein wird.

Rainer Hagedorn © 2012 BonMoT-Berlin

die nächsten Termine:

So, 14. Oktober 2012, 20 Uhr: Hamburg, Polittbüro, “Die Machtergreifung”,
Karten: 040 – 280 55 467

Mi, 17. Oktober 2012, 20.30Uhr: Hamburg, Schauspielhaus Kantine, Randale und Liebe – Die Lesebühne,
Karten: 040 – 24 87 13

Sa, 27. Oktober 2012, 20 Uhr: Heiligenhaus, Der Club, “Die Machtergreifung”,
Karten: 020 56 – 64 83

So, 28. Oktober 2012, 20 Uhr: Altenkirchen/Ww, Kulturbüro Haus Felsenkeller, “Die Machtergreifung”,
Karten: 026 81-71 18

Mo, 29. Oktober 2012, 20 Uhr: Köln, Bürgerhaus Stollwerck, Köln Comedy Festival 2012, Ausschnitte aus dem Programm “Die Machtergreifung” mit Torsten Sträter,
Karten: 0221 – 99 11 080

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Homepage Team & Struppi

Kategorien:Kabarett, Kritik
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