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Voll krass: Ausländer, Eingeborene und Lebenshelfer in Action – Kritik

Kiezgeschichten Logo - Grafik PR ufa-fabrikKiezgeschichten – Ein echter Berliner Mix mit Masud, Cloozy Haber und Timo Wopp

BERLIN (gc) – Drei bis vier Künstler gestalten einen Abend. Zweimal dürfen sie auftreten. Das ist das Konzept der Kiezgeschichten in der Berliner ufa-fabrik. Diesmal haben sich Masud, Cloozy Haber und Timo Wopp im angenehmen Ambiente des neuen Theatersaals verabredet. Masud ist übrigens für Murat Topal eingesprungen, der immer noch verletzt ist.

Eine gute Vertretung, dieser 24 Jahre alte Künstler. „Ich sage immer, dass ich Perser bin. Wenn die Leute ‚Iraner‘ hören, bekommen sie Angst.“ Spricht‘s und stellt eine mittelgroße Sporttasche auf die Bühne. Der Inhalt der Sporttasche bleibt sein Geheimnis. Vielleicht lüftet er es im Januar, bei seiner Solo-Show in der Berliner Scheinbar.


Masud spielt den Schüchternen, erzählt in halben Sätzen seine Geschichten: „Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir nach Deutschland kamen: Ich war ein Jahr alt, mein Bruder drei und meine Mutter elf…“ Sein Single-Dasein beschäftigt ihn und die Frage, wo man am besten Frauen ansprechen kann. Masuds Idee: Ich stelle mich einfach an das Tampon-Regal im Supermarkt! Er weiß, dass Unternehmer bei Frauen bessere Chancen haben. „Deshalb habe ich jetzt ein Unternehmen: Ich kaufe und verkaufe Pfandflaschen.“

MasudUbahn - Foto PR ufa-fabrikObwohl er kein Muslim sei, müsse er sich ständig die Hinweise der Currywurst-Verkäufer auf das Schweinefleisch in den Würsten anhören. Das stört ihn. Überhaupt, die Deutschen und ihr Schweinefleisch! „Die könnten doch mal einen Kaugummi mit Schweinefleisch-Geschmack erfinden!“

Masud beobachtet seinen Alltag genau. Seinen ganzen Alltag – er versteift sich nicht auf die Perspektive eines jungen Mannes mit etwas dunkler Haut! Dann spitzt er ordentlich zu. Wunderbar, wie ruhig er seine Geschichten erzählt und dem Publikum Zeit zum Mitdenken und Mitlachen gibt!

Timo Wopp ist da von ganz anderer Natur. Sehr lebhaft, haarscharf unterhalb der Grenze des Hektischen, füllt er die Bühne aus. Gekonnt gestaltet er nahezu den halben Abend mit seinem Wortwitz und setzt auch seine „haptischen Powerpoint-Präsentationen“ ein. So nennt er seine Jonglagen mit drei Bällen. Atemberaubende Figuren lässt er zu monströsen Satzgebilden entstehen. Aber eigentlich ist er ja Lebenshelfer.

Timo Wopp - Foto HPEr zeigt, wie man sich durch einen ulkigen Gang im Büro vor unerwünschten Gesprächen schützen kann. Oder wie man durch die richtige Mimik im Meeting, ganz nebenbei ausdrücken kann, was man sich nicht zu sagen traut. Die Lacher hat er dabei auf seiner Seite.

Timo Wopp plädiert für Randgruppenwitze, will sich auf Kosten der Alten und Schwulen lustig machen. Er reißt dieses Thema aber nur an – die politisch unkorrekten Gedanken darf sich das Publikum selbst machen! Stolz ist er auf den Platz für seine Tochter in der bilingualen Kita: „Da wird nämlich Türkisch und Arabisch gesprochen!“

Wie aus einer geschüttelten Cola-Dose sprudeln die Ideen bei Timo Wopp hervor. Egal, ob er für eine „Pädagogik mit Angst“ plädiert, seine Coaching-Box für 300 Euro vorstellt oder die Frau Bundeskanzlerin sexuell erregend findet – wegen ihrer Machtfülle! Sehr schnell und sehr genau sind seine Pointen. Das Publikum ist begeistert.

Cloozy Haber nutzt ihre beiden Auftritte an diesem Abend, um zwei Figuren darzustellen: die quirlige Berliner Kiezgöre und die leicht gehemmte norddeutsche Sekretärin Helga Raspel. Als Kiezbewohnerin rät die den Berlin-Touristen, nicht in den Zoo zu gehen: „Der Eisbär ist sowieso schon tot. Fahrt lieber eine Runde mit dem S-Bahn-Ring, da riecht es genauso, wie im Zoo!“ Resigniert steht sie neben zwei Nachbarinnen, die sich in einer fremden Sprache unterhalten, zuckt dabei mit den Schultern und sagt: „Ich krieg‘ die Integration nicht mit, weil ich die Sprache nicht spreche!“

Cloozy Haber als Helga Raspel - Foto HPDas hat Tiefgang, wenn Cloozy sich bewußt wird: „Ich kann zwar in Spanien ein Bier bestellen, aber bei der türkischen Putzkraft kann ich mich nicht in ihrer Muttersprache für die geleistete Arbeit bedanken…“ Sie weiß genau, wann ihr Kiez gentrifiziert ist: „Man muss umziehen, wenn aus dem KiK-Laden ein Starbucks wird.“

Auch als norddeutsche Sekretärin Helga Raspel steht Cloozy Haber ihre Frau: In der abgewickelten Firma hielt sie mit ihrem Chef die Stellung. „Das war so einsam – ich habe ja schon auf sexuelle Belästigung geklagt!“ Büroerlebnisse in einem der Liquidation geweihten Betrieb dominieren diesen zweiten Auftritt. Doch obwohl auch hier ihre Gags nicht von schlechten Eltern sind, zünden sie nicht richtig.

Ist Cloozy Haber zu langsam, ist sie zu schnell? Sind ihre Figuren zu aufgedreht oder zu farblos? Es ist von allem ein bisschen, wobei keiner der Aspekte wirklich dominiert und unangenehm wird. Es ist nur nicht ganz rund und steht dem großen Erfolg im Wege.

Doch die Kiezgeschichten leben von der Abwechslung in Themen, Figuren und Darstellungen. Im Gedächtnis bleibt ein gelungener Abend bester Unterhaltung.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd. – http://www.liveundlustig.de

Termine:
Noch bis Sonnabend, 3. November 2012: Berlin, ufa-fabrik, Theatersaal, 20 Uhr
Karten: 030 – 755 030

verwandte Artikel:
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Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik
  1. Du hast noch keine Kommentare.
  1. 10. April 2013 um 01:38

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