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Tatort tipi – ein Fall aus dem Chansonmilieu – Premierenkritik

Adam Benzwi & Andrea Sawatzki - 2012 TIPI AM KANZLERAMT - Foto: © Jan WirdeierAndrea Sawatzki und Adam Benzwi: „Irgendwas ist immer, mal zum Lachen, mal zum Weinen“

BERLIN (as) – Die Pressefotografen haben gut zu tun. Zu Dutzenden haben sich Andrea Sawatzkis Schauspielkollegen ins Tipi am Kanzleramt aufgemacht, um bei deren Neuerfindung bzw. Wiedererstehung als Sängerin mit dabei zu sein.

28 Jahre sei es her, lässt sie uns wissen, dass sie zuletzt singend auf der Bühne stand: mit einem Liederabend der Debütanten der Landesbühne Wilhelmshaven. „Schweinische Lieder“, nannte man das Programm mit Songs von Brecht bis Kreisler, geleitet wurde die Produktion seinerzeit von Rainer Bielfeldt.

Auch er saß bei Andrea Sawatzkis Premiere am Dienstagabend im Zuschauersaal und konnte miterleben, wie die Ex-„Tatort“-Kommissarin mit hochgesteckter Frisur und im eng geschnittenen Galakleid seine Komposition „Meen Liebe zu dir, die ist echt“ zum Besten gab. Ein Chanson, ganz in der Tradition von Friedrich Hollaenders „Liedern eines armen Mädchens“, kunstberlinernd und tragisch-komisch. Als Zugabe wird Sawatzki daraus das „“Wunderkind“ vortragen. Dieses leicht Frivole, Mädchenhaft-Scheue liegt der singenden Schauspielerin am Besten. Chansons, die idealerweise eine zerbrechlich-zarte Stimme brauchen, um das zugleich Kokette wie Kindliche dieser Moritaten auszuspielen.

Sawatzki macht allerdings einen großen Ritt durchs klassische, bewährte, vielgehörte und damit auch in besseren Versionen bekannte Diseusen- und Chansonnierenrepertoire. Kreislers „Also geben Sie Acht!“, Hollaenders „Zersägte Dame“, Ludwig Hirschs „Komm, großer, schwarzer Vogel“. Überraschende Akzente, eindrückliche Interpretationen vermag Andrea Sawatzki allerdings nicht zu setzen. Sie ist wahrlich keine Entertainerin, ihre spärlichen Moderationen sind kühl und karg, mit Bedacht und einen Hauch zu melodramatisch formuliert.

Den ersten Teil des Abends steht sie weitgehend unbewegt vor dem Standmikrophon, sicher und souverän am Flügel begleitet von Adam Benzwi, dem künstlerischen Leiter dieser Produktion. Spätestens nach dem zehnten Lied aber vermag allein ihr Charme den Abend in seiner gesuchten Kunstfertigkeit allein nicht mehr zu tragen. Schwierig wird es vor allem dann, wenn Andrea Sawatzki an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten kommt. Dann nämlich, wenn Volumen und echte Leidenschaft gefordert wären, wie etwa bei dem R‘n’B-Klassiker „Fever“ und bei „Touch-a, Touch-a, Touch-a, Touch Me“ aus der „Rocky Horror Show“ – beides übrigens in deutschen Fassungen gesungen.

Die Gründe, aus denen es bekannte Schauspielerinnen immer wieder auf die Chansonbühne treibt, um dort im Zweifelsfalle die „Seeräuber-Jenny“ zu singen“, sind vielfältig. Die einen haben die Kameraarbeit satt suchen für ein paar Abende mal wieder den direkten Kontakt zum Publikum, andere schaffen sich ein zweites Standbein für engagementfreie Zeiten, manche wiederum erfüllen in erster Linie sich und im besten Falle noch ihren Hardcore-Fans einen Wunsch. In welche Kategorien beispielsweise Eleonore Weisgerber und Hanna Schygulla, Maren Kroymann und Katrin Sass, Eva Mattes oder Angela Winkler jeweils fallen, mögen ihre Konzertbesucher jeweils für sich selbst entscheiden. Einigkeit dürfte aber darin bestehen, dass eine kräftige oder zumindest originäre Stimme nicht von Nachteil wäre.

Ein dicker roter Faden, ein sinniges, thematisches Konzept, oder schlicht eine sehr persönliche Note wiederum können selbst größere Defizite wettmachen. Nicht, dass Andrea Sawatzkis erstes Soloprogramm ein kompletter Reinfall wäre, aber er bietet von all dem eben nur ein bisschen und lässt dabei umso auffälligere Lücken. Zu gerne hätte man einem großen Ereignis beigewohnt. So war’s eben nur nett.

Axel Schock © 2012 Bonmot-Berlin

Termine:
Andrea Sawatzki und Adam Benzwi: „Irgendwas ist immer, mal zum Lachen, mal zum Weinen“
Noch bis 15. November 2012, Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr: Berlin, Tipi am Kanzleramt,
Karten: 030-39 06 65 50
www.andrea-sawatzki.dewww.tipi-am-kanzleramt.de

Foto: © Jan Wirdeier

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