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Lustige Lieder, linke Schlager und jede Menge Spaß – Kritik

Johanna Zeul – Foto: © Frank BenzJohanna Zeul und The Incredible Herrengedeck gemeinsam in der Wabe

BERLIN (gc) – Knackend voll ist es in der Wabe in Berlin-Prenzlauer Berg, als Johanna Zeul ihre ersten Sprünge auf der Bühne vollführt. Nur mit einer akustischen Gitarre und ihrem Gesang fesselt sie das Publikum. Sie singt von Konsumkritik und Liebes(un)glück.

The Incredible Herrengedeck, die dreiköpfige Chanson-Punk-Band aus dem inzwischen wahnsinnig hippen Berliner Bezirk Neukölln, gibt dem Affen Zucker: Squaredance-Einlagen und skurrile Kostümierungen bringen den Saal zum Kochen. Doch der Reihe nach.

„Ich will was Neues“, der Klassiker von Johanna Zeul, eröffnet den Abend. Sie hält sich nicht mit Moderationen auf, sondern spielt vom ersten Moment an. Die ganze Bühne nimmt sie in Beschlag und karikiert in ihrem ersten Stück das unpolitische Konsum-Girlie: „Ich geh‘ gern shoppen / Ich flieg‘ gern ans Meer.“ Die kurzen Töne machen den harten Sound, der die Wut über so viel Ignoranz erkennen lässt.

Johanna Zeul hat eine Tendenz zum Sprechgesang, und das erleichtert das Verstehen der dichten Texte. In „Raubtier“ wendet sie sich gegen die Zwänge in allen Lebenslagen, gegen die Dressur. Das Gleichförmige ist ihr ein Greuel – und das Verdrängen von Gefühlen auch! „Du wirst“ ist das Herausschreien der ewigen Geliebten, die den Partner niemals für sich allein haben wird. Das ganze Gegenteil davon ist „Hey Fremder“: Kein Liebeslied, sondern ein Lustlied! Es bringt Zeuls Philosophie auf den Punkt: Ich lebe jetzt und will auch jetzt etwas vom Leben haben!

Leise kann sie aber auch, in „Schwimm nicht zu weit“. „Keine Angst, ich rette Dich / Ich bin ganz nah. / Das nächste Mal rettest Du mich / aus der Gefahr,“ heißt es dort. Da sind zwei, die sich vertrauen und immer noch tiefer und enger miteinander sein wollen. Schwer zu entscheiden, ob Johanna Zeul als Wütende oder als Liebende die besseren Songs schreibt. In beiden Zuständen ist sie ein Erlebnis auf der Bühne!

The Incredible Herrengedeck 01 – Foto © Tilman EngelThe Incredible Herrengedeck spielt in magentaroten Espadrilles. Das erdet die drei Musiker und sorgt für bodenständige Kapitalismuskritik aus dem Kiez. Ob in „Nee, nee, nee“ gegen das Mediaspree-Investitionsprojekt gesungen wird oder in „Prenzlauer Berg“ die 90er Jahre wiederauferstehen. Für Jüngere: Das war die Zeit, als das rigide CDU-Regime in Baden-Württemberg noch nicht jeden nach Berlin ausreisen ließ…

Der „Kiezkiller“ besingt die Veränderungen durch die Gentrifizierung und in „Yuppie Oh Yeah“ geht es um die letzte Porsche-Fahrt eines Yuppies, die unfreiwillig an einem Brückenpfeiler endet. Deftig sind ihre Texte, ihr Auftritt ist mitreißend. Dafür sorgen Tapani Gradmann als Sänger und Gitarrist, Daniel Thylmann als Pianist und Keyboarder und Robert Rating am Kontrabass.

Sie rappen ihren FDP-Song, in dem ein Makler-Sohn alle einschwört: „Bei der nächsten Wahl holen wir 18%!“ Dieses Hohle, Siegesgewisse ist schon ein Jahr vor der Bundestagswahl ein beeindruckender Abgesang! Der Rhythmus geht ins Bein und bald hat sich eine kleine Tanzgemeinde vor der Bühne versammelt. Das Lied vom „Döner-BND“ ist dagegen leiser und trauriger, geht es doch um die Einsamkeit eines verdeckten Ermittlers in einem schmuddeligen Imbiss. Viel zu lange hält er an der Theorie der ethnisch begründeten Morde fest, um im Milieu bleiben zu können.

Teile der Band sind inzwischen 30 Jahre alt geworden und deshalb gibt es auch Persönliches zur vorgezogenen Midlife-Crisis: „Mit 30 Jahren gibt es kein Zurück / Mit 30 Jahren endet das Glück“, hießt es in dem Triptychon mit sehr kurzem Mittelteil. Sie sehen ihre Felle davonschwimmen und ahnen noch gar nicht, wie sehr es mit 40 oder 50 Jahren erst richtig losgeht! Stattdessen verbringen sie die Zeit mit „Nachdenken“.

The Incredible Herrengedeck findet die richtige Balance zwischen Klamauk und Anspruch. Sie spielen präzise und routiniert und haben offensichtlich Spaß dabei. Gemeinsam mischen sie verschiedene Atmosphären: Ein Schluck Konzert, ein Hauch Kneipe und ein Quäntchen Club. Dazu tragen auch die fluoreszierenden Knicklichter bei, die die Band ausgibt, bevor sie zu ihrem Hit „Soundtrack zum Untergang der Welt“ anhebt. Stürmischer Applaus hallt ihr dafür entgegen, die chorischen Rufe nach Zugaben werden zweimal erhört.

Gilles Chevalier © 2012 BonMot-Berlin Ltd.

weitere Infos und Songs
www.herrengedeck.orgwww.johannazeul.de

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bm © 2012 BonMoT-Berlin

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