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Lach- und Sachgeschichten mit Uschi Ahnungslos und dem Kabinett der Komiker – Kritik Anny Hartmann

Anny Hartmann - Foto Bozica BabicAnny Hartmann: „Humor ist, wenn man trotzdem wählt“

BERLIN (gc) – Eigentlich ist es Unsinn, weibliche Künstler mit anderen Augen zu betrachten als männliche. Und ich wehre mich dagegen! Trotzdem fiel mir dieser Tisch auf der Bühne auf, der mit einer Decke verkleidet war. Einer bodenlangen Decke! So etwas habe ich bei männlichen Künstlern noch nie gesehen.

Wenig überraschend blieb der Tisch im Berliner Mehringhoftheater den ganzen Abend über stumm und teilnahmslos. Quicklebendig und rotzfrech führt dafür Anny Hartmann durch ihr Programm „Humor ist, wenn man trotzdem wählt“. Sie nennt die Bundesministerin für Arbeit und Soziales „Uschi Ahnungslos“ und lässt kein gutes Haar an ihren Projekten Lebensleistungsrente und Betreuungsgeld.

Erfrischend ihr Workshop „Wie werde ich reich?“ Hier erklärt sie die Vorteile eines Jahreseinkommens über 67.200 Euro, weil Sozialabgaben nur bis zu diesem Betrag abgeführt werden. Und sie rät, besser von Kapitalerträgen als von Lohn zu leben, weil so die Steuerlast sinkt. Verzückte Rufe künftiger Schönheitschirurgen schallen durch das Theater.

Mit deren Idee des „Mami refresh“ steht sie allerdings auf Kriegsfuß, geht es doch hier um eine Vaginalkanal-Straffung nach dem Gebären. „Schlabbert da irgendetwas zwischen Beinen?“, fragt sie keck. Den männlichen Kritiker mit gewissen Kenntnissen der englischen Sprache beschäftigt noch etwas anderes. Schließlich ist er überzeugter Gegner jedweder Sprachpanscherei! Also denkt er, „refresh“ ist englisch. „Mummy“ auch – das bedeutet „Mumie“. Eine Mumienerfrischung?

Einfaches CMYKGeschickt gleitet Anny Hartmann vom Fußball zur Politik zur katholischen Kirche und landet immer wieder bei der Wirtschaft. Die Diplom-Volkswirtin erklärt die Eurokrise zu einer Bankenkrise und stellt Griechenlands Verschuldung in Zusammenhang mit Deutschlands Exportwirtschaft. Immer wieder streut sie einen kurzen Witz ein, präsentiert gar eine Sammlung der schönsten Pferdefleischwitze.

Richtig scharf wird sie bei ihren Ausführungen zum NPD-Verbotsantrag. Oder wenn Hartmann klarmacht, dass das Bundesverfassungsgericht handstreichartig das Grundgesetz geändert hat, als es den Einsatz der Bundeswehr im Inneren zugelassen hat. Ohne das eigentlich notwendige Abstimmungsergebnis mit einer Zweidrittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat.

Anny Hartmann versteht es, die tagesaktuellen Themen vom Nebel zu befreien. Einseitige Darstellungen ergänzt sie durch ihre Sicht auf die Dinge. Deshalb lohnt der Besuch bei „Humor ist, wenn man trotzdem wählt“.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin
Foto: Bozia Babic

Für alle, die den Mangel an Kabarettistinnen beklagen, hat Anny Hartmann auf ihrer Homepage eine imposante Liste ihrer Kolleginnen veröffentlicht.

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Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. Gilles Chevalier
    20. April 2013 um 22:29

    Auweia! Da wollte ich nur den angenehmen Eindruck hervorheben, den der verkleidete Tisch auf mich gemacht hat. Und jetzt weiß ich schon so viel mehr über Theaterbetreiber und die Gründe für verkleidete Tische. Prima!

    Nur zur Klarstellung: Anny Hartmanns Programm ist viel aufregender als besagter Tisch – selbst, wenn der nackte Beine hätte…

    Herzlichst
    Gilles Chevalier

  2. 19. April 2013 um 13:37

    Kleine Anmerkung: Tische werden von Veranstaltern fast immer mit einem bodenlangen Stoff versehen, wenn sie unansehnlich sind. Das Geschlecht des Künstlers spielt dabei keine Rolle.

  3. 15. April 2013 um 14:46

    Der verkleidete Tisch auf der Bühne ist nicht wegen Anny Hartmann verkleidet, sondern weil der männliche Kabarettist Marc-Uwe Kling das so will. Da Marc-Uwe alle 2 Monate bei uns gastiert, waren wir einfach nur faul…aber Anny hatte auch nix dagegen …
    Christian/Mehringhof-Theater

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