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Eine Transgender-Trümmerfrau räumt auf – Premierenkritik Sven Ratzke

Sven Ratzke im Berliner Admiralspalast mit „Hedwig and the Angry Inch“

von Axel Schock

HEDWIG_MG_6373_RGB 300BERLIN (as) – Nun also wird auch der Keller zur Kulturstätte. Die einstigen Kegelbahnen des weitläufigen Berliner Admiralspalastes, der neben dem großen Saal bereits mehrere kleinkunsttaugliche Bühnen bietet, sind nun zum „Klub“ mit angeschlossener Absinth-Bar umgestaltet. Die Möblierung gleicht einem Polstermöbel-Restpostenverkauf, und nicht nur die Rückwand der Spielfläche ist zugestellt mit Hirschgeweih-verzierten Wohnzimmerschrankwänden. Ein campes Grauen in Pressspan und rustikalem Dekor.

Vor dieser eindrucksvollen Kulisse also erlebt „Hedwig and the Angry Inch“ ihre zweite Chance in Berlin. „Hedwig“ wurde von John Cameron Mitchell (Buch) und Stephen Trask (Musik) zwar einst für die Minibühne eines New Yorker Schwulenclubs entwickelt, hatte dann aber schnell den Weg zum Broadway und in die Welt hinaus gefunden. Vor drei Monaten erst war die chinesische Erstaufführung in Taipeh. Mitchells eigene, vielfach prämierte Leinwandadaption kam leider aufgrund von Problemen des deutschen Verleihs hierzulande nie in die Kinos. Vor ziemlich genau einem Jahrzehnt war die exzentrische Rockshow in deutschsprachiger Erstaufführung in der Berliner Arena mit Musicalstar Drew Sarich aus der Taufe gehoben worden, ohne sich aber längerfristig durchsetzen zu können. Und dabei müsste das Glam-Rock-Musical gerade im queeren Berlin eine sichere Nummer sein.

Denn Mitchell, der als Sohn eines US-Generals einen Teil seiner Kindheit in West-Berlin verbracht hat, erzählt mit „Hedwig“ auch die irrwitzige Biografie einer der Frontstadtbewohner. Jahre vor dem Mauerfall lernt der Ost-Berliner Hänsel Schmidt einen schwarzen GI kennen und lässt sich von ihm zur Heirat und Übersiedlung in die USA überreden. Damit dies aber möglich wird, muss Hänsel ein kleines, entscheidendes Stück seiner selbst zurücklassen. Aus Hänsel wird Hedwig, eine fast vollkommene Frau, sieht man von jenem „angry inch“ ab, das die Operateure bei der misslungen Geschlechtsumwandlung abzutrennen vergaßen. Geschieden, verlassen und verraten lebt Hedwig fortan in Wohnwagenparks und tingelt als Rockdiseuse durch die US-Provinz – und gibt nun ein Gastspiel in der alten Heimat.

Optisch gleicht Sven Ratzke mit seiner auslandenden Blondhaar-Perücke und in seinem wehendem Glitterumhang den zahlreichen Bühnen-Hedwigs zwischen Rio de Janeiro und Sydney. Der deutsch-niederländische Chansonnier schlüpft aber nicht einfach nur in die Figur, er hat sich diese „weltweit ignorierte Chanteuse“ ganz zu seiner eigenen gemacht.

Auch als Hedwig bleibt Ratzke ein Ranschmeißer. Er röhrt, begleitet von einer vierköpfigen Band, die musikalisch an David Bowie, Lou Reed und Iggy Pop angelehnten Songs souverän – und das in allen erdenklichen Rockerposen. Das funktioniert nämlich auch in Stillettos und Fransenlederrock. Wie auch in seinen Soloshows ist Ratzke ganz Entertainer und geht auf Tuchfühlung mit seinem Publikum, das er liebevoll mit „Ihr Schnecken“ anspricht. Er extemporiert, berlinert, kalauert und zetert – , und er erdet das Stück von 1992 ganz im Hier und Jetzt, mehr als es in Mitchells Vorlage je war. Dass dabei auch etwas abgestandene Kalauer – etwa über Schwaben im Prenzlauer Berg – verbraten werden müssen, sei verziehen.

Dafür peppt Ratzke auch Hedwigs Ost-Berliner Backstory mit Details auf, die das sonderliche Gender-Märchen mit Alltagsszenen aus dem real existierenden Sozialismus veredelt: “Die DDR, what a place to live. Fast alles war verboten“.

Die konsequente Neuinterpretation der Figur durch Ratze und Regisseur Guntbert Warms führt allerdings auch dazu, dass die tragischen Elemente des Stücks deutlich in den Hintergrund treten. Denn Hedwig ist nicht nur die Punkrock-Drag-Queen, der man zutraut, sich nicht nur verbal, sondern auch mit Fäusten zur Wehr setzen zu können. Sie ist gleichermaßen auch die zarte, geschundene Seele, die naiv und aufrichtig nach der einzig wahren Liebe sucht. In dem Rockmusiker Tommy schien sie diese gefunden zu haben – bis der sich auf und davon machte und mit den von Hedwig geschriebenen Songs zum Superstar aufstieg.

Mitchells Originalproduktion und Verfilmung haben an diesen Stellen weder an Sentiment noch Kitsch gespart, und auf diese Weise Hedwig davor bewahrt, nicht nur als Freak sondern auch Mensch wahrgenommen zu werden.

Bei Ratzke, dem Bühnenberserker, ist für solch tragisch-melancholische Momente nur wenig Platz. Auch Maria Schuster als Sidekick und Backing-Vocal hat nur wenig Gelegenheit, sich als eigenständige Figur zu etablieren. Dafür stemmt sich seine Hedwig viel zu selbstbewusst und energiegeladen gegen ihr Schicksal. Eine Transgender-Trümmerfrau räumt auf, und bringt den Keller-Klub erwartungsgemäß zum Toben. Auf den zweiten Anlauf könnte „Hedwig and the Angry Inch“ nun also doch auch in Berlin zum Kultstück werden.

Axel Schock © 2013 BonMot-Berlin
Foto: Dennis Veldman

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