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Malediva in der Midlife-Crisis – Premierenkritik

Malediva Barhocker - Foto © Robert ReckerUraufführung des neuen Programms „Barhocker“ im Berliner Tipi

von Axel Schock

BERLIN – Das muss man als Fan erst einmal verkraften. Nach einem guten Dutzend Programmen fühlte man sich bereits als Teil der Wahlfamilie und verfolgte den offenen Beziehungsschlagabtausch und die liebenswürdigen Sticheleien von Tetta Müller und Lo Malinke höchst amüsiert. Und dann das.

Das vermeintlich so perfekte Paar hat sich getrennt. 40 ist die neue 30, sagt Malinke und das Leben braucht nun auf einmal einen Sinn, zumindest für Müller. Deshalb: Schluss mit der Tingelei. Statt im Scheinwerferlicht zu stehen, will Tetta Müller in einer eine düsteren, feuchten Souterrain-Bar in Berlin-Mitte zu wahrem Glück, Glamour und vielleicht sogar Reichtum kommen. Was fehlt sind allerdings die Gäste. Aber auch bei Malinke läuft’s offensichtlich nicht so gut. Der muss sich nun als Fummeltrine mit Auftritten in Altenheimen durchschlagen, nach einer Erfolgsstory klingt das nicht.

Malediva Barhocker Tetta Müller - Foto © Robert Recker„Travestie ist eine Kunstform, wie Salzteig“, verteidigt Malinke dennoch stolz die neue Herausforderung. Dass Tetta und Lo einmal mehr als nur das Showbusiness verband, ist in „Barhocker“ dem neuen Programm des Berliner Ensembles, überraschenderweise kein Thema mehr. Andererseits machen sie gleich mit der Auftrittsszene unmissverständlich klar:
Hier ist alles gespielt, die angebliche Trennung nur Ausgangsszenario für zwei Stunden Dialog-Ping-Pong: Kalauer knapp über der Gürtellinie, echte Kracher, wortstarke Boshaftigkeiten und kluge, um die Ecke gedachte Pointen, die dann auch prompt nicht bei jedem Zuschauer sofort zünden.

Wird ein Witz versaut oder geht sonstwie baden, kommentiert Malinke das sympathische Malheur von der Meta-Ebene herab: „Geschrieben war’s witziger“ und „Wenn der Künstler nicht weiter weiß, gibt’s auf der Bühne Trockeneis“. Malinke und Müller haben ihre helle Freude daran, ihre Kunstfiguren in die Midlife-Crisis zu begleiten. „Früher hatten wir noch alles vor uns, und draußen haben uns alle geduzt“, fassen Malediva die Zeitenwende in einem Chanson zusammen.

Malediva Barhocker Lo Malinke - Foto © Robert ReckerZwar haben Malediva neun neue Songs in ihr charmantes Gezänk eingestreut, dennoch tritt die Musik angesichts der ausgedehnten Comedy-Wortgefechte diesmal überraschend in den Hintergrund. Dabei hat sich Maledivas langjähriger Komponist und Pianist Florian Ludewig diesmal zwei weitere Musiker zur Verstärkung an seine Seite geholt, den Kontrabassisten Björn Werra und Kai Schönburg am Schlagzeug.

Ludewigs Hang zum Popschlager kommt diese Bereicherung sehr zugute. Bereits das Eingangslied „Zurück auf Los“ hat das Zeug zum flotten Radiohit. Ralph Siegels Grand-Prix-Schnulze „Theater“ bekommt das Pathos und Drama, welches dem Schlager gebührt und Malediva erzählen zwischen den Verszeilen von deprimierenden Tourerlebnissen in der schwäbischen Provinz.

Aber auch auf Kreuzfahrtschiffen müssen Künstler leiden, zumindest wenn sie zur Bordunterhaltung auf der „MS Deutschland“ engagiert sind. Denn die Trennung von Malinke und Müller war natürlich erstens nur eine Bühnenfiktion und zweitens auf Zeit. Die Wiedervereinigung auf hoher See als „Kreuzfahrtschiffnutten“ mag für das geplagte Entertainerpaar zwar wie eine weitere künstlerische Erniedrigung erlebt werden, für die Premierenbesucher unterm Zeltdach des Berliner Tipi allerdings war’s ein himmlisches Vergnügen.

Axel Schock © BonMoT-Berlin
Fotos: Robert Recker

weitere Aufführungen
bis zum 24. September 2013, jeweils Dienstag bis Sonntag,
außer 7., 8. und 21. September 2013
tipi am Kanzleramt in Berlin, Tickets: 030.39 06 65 50
Di – Sa 20 Uhr, Einlass ab 18:30 Uhr, So 19 Uhr, Einlass ab 17:30 Uhr
Karten inkl. aller Gebühren: VVK € 24,50 bis 34,50 // Abendkasse € 20,80 bis 29,30
Ermäßigte Karten an der Abendkasse: € 12,50

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