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Edelweißes Alpenglühn und den Schalk in Granit gemeißelt – Roger Stein – Solo

Roger Stein liveRoger Stein: „Lieder ohne mich“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Roger Stein tourt derzeit durch die deutschsprachigen Länder, um sein Album „Lieder ohne mich“ vorzustellen. Im vergangenen September ist es bei Konstantin Weckers Label „Sturm & Klang“ erschienen. In Berlin hat er es in der ufaFabrik vorgestellt.

Die intime Atmosphäre des Wolfgang-Neuss-Salons in der Berliner ufaFabrik ist der ideale Ort für Roger Stein. Dem Zuschauer kann er hier auf Augenhöhe begegnen. Prima für einen Künstler, dem Star-Allüren fremd sind und der zeigen will, was ihn

bewegt. Altes, ganz Neues und Lieder aus dem „Wortfront“-Repertoire verspricht Stein. „Wortfront“ ist die Formation, in der er zusammen mit Sandra Kreisler auftritt.

Doch heute ist er solo, singt von der Lebenszeit, die im Vergleich zur Ewigkeit rein gar nicht ins Gewicht fällt und doch für alle der einzige Zeitraum bleibt, der zu gestalten möglich ist. In „Zeit“ beschreibt er die Hetze, die manchmal das Leben nicht mehr möglich macht. Roger Stein ist aber auch selbst ein Getriebener. Er schreibt „Liebesbriefe ohne Namen“, weil man im Frühling manchmal verliebt ist, und nicht genau weiß in wen: „Ich möchte das alles mit dir teilen / und so merke ich bisweilen / du bist in allen meinen Zeilen / schon erwähnt.“ Auch für Liebeslieder findet Roger Stein die richtigen Worte. „Regen im August“ nennt viele Kleinigkeiten, die einen Menschen liebenswert machen. Das reicht vom unleserlich geschriebenen Einkaufszettel bis zur Vergesslichkeit an Regentagen. Text und Melodie bilden eine liebenswürdige Einheit.

Zur Hochform läuft Stein jedoch auf, wenn er die Einheit durchbricht und fröhliche Melodien mit bitterbösen Texten kombiniert. „Klassentreffen“ ist so ein Beispiel. Dem Jugendschwarm aus Schülertagen begegnet er wieder, doch von der Faszination ist nichts geblieben: „Du siehst irgendwie so Aldi aus / so viel zu jung ergraut, / und wenn ich dich so anseh, / denk ich an Sauerkraut.“ Stein ist konsequent und schlussfolgert: „Ich wollt‘ mit dir mein Leben teil’n, / das hat wohl nicht geklappt, / und wenn ich dich so anseh, denk ich / ‚Glück gehabt‘“.

„Alfred“ ist ein anderes Beispiel. Im fröhlichen Wiener-Walzer-Takt erzählt er von einem vierzigjährigen Familienvater, der sich plötzlich in einen Mann verliebt. Die Familie akzeptiert das und schon bald wurden sie kirchlich getraut: „Was im Dorfe viel Zuspruch fand / – in Bayern auf dem Land…“ Doch: „Die Geschichte ist gelogen. Ich weiß es sehr genau / Alfred lebt noch heute mit Haus und Hund und Frau“. Nur sein Liebster schreibt ab und an eine Postkarte aus Thailand und erinnert an die gemeinsame, geheime Zeit. Da ist wieder dieser Aufruf zu leben und sich nicht den Konventionen zu beugen. Sich selbst und sein Glück in den Mittelpunkt zu stellen, ist Steins häufig herauszuhörender Aufruf.

Stein bedient neben Klavier und Synthesizer auch eine Loop-Maschine. Spur für Spur kann man das Entstehen der Roger Stein Album_lieder_ohne_michmusikalischen Begleitung erleben. In sich versunken singt Roger Stein „1890 (Berner Oberland)“.

An Schweizer Volksmusik erinnert die Melodie, ganz ruhig und bedächtig. Doch dann kommt sein harter Sprechgesang dazu. „1890 (Berner Oberland)“ ist die Geschichte eines Menschen, der nur in ganz wenigen Momenten menschlich war.

Die Biographie eines Analphabeten aus armen bäuerlichen Verhältnissen, der es zu etwas gebracht hat, weil er sich auf Pferde verstanden hat: „Er konnte nicht mit Menschen / er konnte nur mit Pferden“. „Er hat auch eine Frau, damit irgendwer am Herd ist / wenn auch für ihn ein Pferd bei weitem viel mehr wert ist / … Kind ist Kind, und Frau ist Frau – aber Pferde kann man lieben“. Doch neben der Geschichte eines Menschen wird hier auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt – und die Geschichte des Roger Stein, der sich als Enkel des 1890 Geborenen entpuppt. Ein ergreifendes Stück, auch weil es von der Unmöglichkeit berichtet, aus dem Gewohnten auszubrechen und sich auf die Suche nach etwas Anderem, vielleicht Schönerem zu begeben.

In Roger Steins Konzertabend sind die düsteren und nachdenklichen Stücke aber nicht vorherrschend. Er versteht sich auch auf den Scherz, etwa in dem kurzen Kinderlied über die „Ameise Ferdinand“ oder in seinem „Grillgedicht“, in dessen Prolog er nahezu alle deutschen Philosophen von Rang zitiert und schließlich Goethe und Schiller eine Schlacht um das nicht verkohlte Grillgut führen lässt. Einen abwechslungsreichen und rundweg gelungenen Abend hat Roger Stein hier zusammengestellt.

Homepage: Roger Stein

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: © 2013 BonMoT-Berlin

  1. 15. April 2014 um 22:30

    Lange nicht mehr so poetische & sinnige Texte gehört – ich liebe es!! Diese Welt ist zauberhaft – love & energy, MM

  1. 29. Mai 2014 um 01:22

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