Der Stammtisch jubelt – Kolumne von HG.Butzko

HG Butzko - Kolumne - design c.wankaLiebe Freunde des politischen Kabaretts,



wenn der zurückliegende Monat normalerweise hauptsächlich für seine meteorologische Wechselhaftigkeit bekannt ist, so hatte die Ausgabe 2017 auch politische Wetterumschwünge in einer Heftigkeit geliefert, die am deutschen Stammtisch zum heißesten April seit Beginn der Aufzeichnungen geführt hatte.

Angefangen hatte alles mit einem Bombenanschlag auf die St. Petersburger U-Bahn, dessen Aufklärungsgeschwindigkeit einige deutsche Zeitgenossen mal wieder auf Anti-Putin-Propaganda schalten ließ, um ungeniert Verschwörungstheorien abzusondern. Worauf haargenau die selben Leute Trumps Ermittlungstempo im Falle des Giftgasangriffs in Syrien nicht eine Sekunde lang in Zweifel zogen, und munter drauf los jubelten, dass Assad endlich mal Grenzen aufgezeigt wurden. Da kann man nur froh sein, dass Trump nicht auch noch den Bombenanschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus untersucht hat, denn die Bombardierung des Schalker Vereinsgeländes wäre wahrscheinlich ebenfalls auf das freudigste begrüßt worden.


Und grade dieses Attentat auf den BVB-Bus hat mal wieder gezeigt, wie ein gewisser Teil unserer Gesellschaft so tickt. Als es anfangs hieß, die Bombenleger am Dortmunder Mannschaftsbus waren Islamisten, da gab es Reaktionen, wie: „Klar, die Religion des Friedens mal wieder“. „Danke Merkel“. „Die kamen mit den Flüchtlingen“. „Kriminelle Ausländer abschieben“. 


Als es dann hieß, der Bombenleger am Dortmunder Mannschaftsbus war die Antifa, waren die  Reaktionen: „Linksgrün versifftes Pack“. „Finanziert von der SPD“. „Linker Terror wird immer verharmlost“. 
Und als dann aber ein Bekennerschreiben aus dem rechten Lager auftauchte, da war die Reaktion einhellig: „Lügenpresse! Lügenpresse!“ 
Oder wie es ein ukrainisches Sprichwort formuliert: „Wenn die Fahne weht, ist der Verstand in der Trompete.“

Und dann? Stellte sich heraus, der Täter war kein extremer Islamist, sondern ein extremer Kapitalist. Da hat dann keiner mehr das Maul aufgemacht. Denn Bomben bauen, um Menschen zu töten, damit an der Börse Gewinne entstehen, das nennen wir normalerweise Rüstungsindustrie. Und wer will es sich schon mit einem Rückgrat der deutschen Wirtschaft verscherzen?


Und kaum war das Thema einigermaßen abgeflaut, zog ein neues Unwetter am Horizont auf. Die Deutschtürken haben mehrheitlich für Erdogans Präsidialsystem gestimmt. Worauf ein gewisser Teil unserer Gesellschaft sich tierisch freute. Denn dank Erdogan können Bio-Deutsche jetzt endlich „Türken raus!“ fordern und sich dabei politisch völlig korrekt fühlen. Deswegen fordern wir weiter:
Alle, die Putin unterstützen, sollen nach Russland gehen. Franzosen, die Le Pen wählen, kriegen Einreiseverbot in Deutschland. Und Bayern, die Seehofer wählen, auch. Zugegeben, dieser Gedanke hätte in der Tat etwas ausgesprochen Verführerisches.


Aber nur mal zur Erinnerung: Es gibt in Deutschland circa 3,4 Millionen Türken und Türkischstämmige. Rund 1 Million davon sind deutsche Staatsbürger und durften bei dieser Wahl gar nicht ihre Stimme abgeben! Das heißt, die bestens integrierten Türken haben gar nicht gewählt.


Von den übrigen waren 1,4 Millionen wahlberechtigt. Von denen haben 690.000 gewählt. Und davon etwa 60 Prozent mit „ja“. Das sind rund 400.000 Stimmen. Das macht ingesamt rund 15% aller Türkischstämmigen in Deutschland, die mit „ja“ gestimmt haben. Zugegeben, immer noch zu viele. Aber wer darauf Sätze formuliert, die anfangen mit „DIE Türken in Deutschland“, sollte doch vielleicht mal die Moschee im Dorf lassen.


Insgesamt haben rund 49% der Türken mit „nein“ gestimmt. Trotz Gleichschaltung der Medien, Einschüchterung der Opposition, und Wahlkampf in Ländern, deren türkische Bewohner nicht mit den Konsequenzen des Referendums leben müssen. Das heißt, der selbe Staatschef, der uns syrische Kriegsflüchtlinge vom Hals hält, treibt jetzt türkische Oppositionelle in die Flucht.


Man darf also gespannt sein, wie Angela Merkels nächster Deal mit Erdogan aussieht. Wahrscheinlich wird jeder türkische Staatsbürger, der in Deutschland mit „ja“ gestimmt hat, in die Türkei zurückgeschickt. Worauf der deutsche Stammtisch jubelt. Zweiter Teil des Deals: Dafür darf einer aus der Türkei, der mit „nein“ gestimmt hat, nach Deutschland kommen. Die Reaktion des Stammtisches hierzu steht noch aus. Und jetzt das Wetter von morgen.

 

©2017 HG.Butzko/ BonMoT-Berlin

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