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Politik, Propaganda und Populismus mit Power Point Präsentation – Premierenkritik Arnulf Rating

Arnulf Rating: „Tornado“
von Beate Moeller
BERLIN – Orkan Herwart war gerade damit fertig, Berlin und Norddeutschland zu verwüsten, da fegt Tornado Arnulf Rating auf die Bühne des Kreuzberger BKA-Theaters. Beinahe hätte das nicht geklappt, denn der Zug hatte Verspätung, und überhaupt ist alles schief gelaufen. Noch nicht mal zum Essen gekommen sei er. Deshalb hat er sich ein halbes Hähnchen mitgebracht, das er gierig verschlingt. Dabei mit vollem Mund verkündet, dass er ja eigentlich Vegetarier sei, aber hätte er sich unten bei Mustafas Gemüsedöner in der Schlange angestellt, wäre er ja drei Stunden zu spät gekommen.

Im neuen Programm verzichtet Rating weitgehend aufs bisherige Figurenspiel, auch seine Paraderolle, die bestenfalls mit Mon-Cherie-Geschenken zu besänftigende Walküre Schwester Hedwig, erhält nur einen Kurzauftritt in der Zugabe. Rating spielt jetzt Rating pur. Geblieben ist die „Presseschau“, bei der er lachhafte Schlagzeilen verschiedener Titelseiten – immer wieder neu – zu einer abstrusen Story kombiniert. Einzigartig!

Denken wir eigentlich noch selbst?, Fällen wir eigene Entscheidungen? oder sind wir längst einer sich ständig perfektionierenden Manipulationsmaschinerie versklavt? Das sind die Themen, denen Arnulf Rating in seinem neuen Programm „Tornado“ nachgeht. Dabei stellt sich quasi automatisch die Frage nach unserer eigenen Blindheit.

Die reißerischen Zeitungstitel dienen dafür ebenso als Beispiel wie die Veränderung von Freund Martin aus der WG von damals. Einst war der überzeugter Radfahrer. Nachdem er Karriere bei den Grünen gemacht hat, fährt er heutzutage mit dem absolut sauberen Diesel-SUV und 440 PS zum Brötchenholen. „Wenn du einen Asthmaanfall hast, hängst du dich am besten da hinten an den Auspuff!“, so rein sind diese Abgase.

Die „beiden großen Mitmachnummern“ gaukeln uns vor, frei zu sein: die Wahl und die Mülltrennung. „Jeder Deutsche hat einen Müllführerschein.“ Bilden wir uns tatsächlich ein, mit dem Sortieren unserer Abfälle den Planeten retten zu können? Oder ist das am Ende nur ein Ablenkungsmanöver, ein Zeitfresser, eine Beschäftigungstherapie – so wie Facebook und Twitter? Schließlich hatte Sokrates kein Facebook-Profil und Aristoteles keinen einzigen Follower. Wahrscheinlich brauchen wir nur mal das richtige Kopfwaschmittel!

Nach der Pause zieht Arnulf Rating die Fäden, die er im ersten Teil so lässig-locker ausgelegt hat, gekonnt zusammen. Es wird ziemlich ernst. Denn er stellt uns mit Beamer und Leinwand Edward Bernays vor und dessen erstaunliches Lebenswerk. Da kommt ein Orkan auf.

Interessant: Dieser Mann hat die Propaganda erfunden. Aufbauend auf den Erkenntnissen seines Onkels Sigmund Freud, der die Macht des Unbewussten als Triebfeder jedes menschlichen Handelns entdeckt hatte, hat Edward Bernays eine Strategie zur Manipulation der Masse entwickelt, die er „Propaganda“ nannte. Zu einer Zeit, in der die Psychologie und die Soziologie als Wissenschaften noch nicht so ganz ernst genommen wurden und in der von Begriffen wie „Marketing“ oder „Public Relations“ noch keine Rede war.

Mit Hilfe des Steuerungsmittels Propaganda gelang es den USA im Ersten Weltkrieg, die Bevölkerung dazu zu animieren, Kriegsanleihen zu kaufen. Die Zigarettenindustrie machte mit ihren Kampagnen zur Meinungsbeeinflussung den Frauen weis, dass Rauchen attraktiv sei und ein Beweis der Emanzipation. Arnulf Rating führt uns das mit etlichen Original-Werbeplakaten vor Augen, ebenso sauber recherchiert wie verblüffend. Schon gewusst? Camel ist die Lieblingszigarette der Ärzte!

Verhängnisvoll: Joseph Goebbels benutzte später die von Bernays, der selbst Jude war, ausgefeilten Methoden der Propaganda, der bewussten und zielgerichteten Manipulation, um in Deutschland gegen Juden zu hetzen. Ratings bittere Erkenntnis: „Bernays hatte eine Bombe gebaut, Goebbels hat sie gezündet.“

Was hat das alles nun mit dem Hier und Heute zu tun? Mehr, als man zunächst annehmen möchte.

Und ist so ein Vortrag eigentlich Kabarett? Ja, auf jeden Fall.

Das Publikum im Kabarett besteht ja in der Hauptsache aus Menschen, die sowieso schon wissen, was alles faul ist im Staate Dänemark – mich eingeschlossen. Wir bilden uns ein, frei zu sein, weil wir zwischen verschiedenen Produkten wählen können – zum Beispiel Kopfwaschmitteln für die passende Gehirnwäsche. Wir geben täglich private Informationen in den sozialen Medien frei, die psychometrisch ausgewertet werden. Dabei ist unser Computer nur „die Schnittstelle zwischen künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit“. Denn „nach 68 Likes bei Facebook wissen die Profis mehr über Sie als Ihre beste Freundin.“

Mit dem Programm „Tornado“ geht Arnulf Rating solo back to the roots. Zum Anarcho-Kabarett „Die drei Tornados“, das sich nicht unnötig mit Politiker-Name-Dropping aufhält oder der Beschreibung der oberflächlichen Phänomene widmet, sondern gleich das System als Ganzes ablehnt. Eine ebenso klug wie radikal wie radikal stellt er den Status Quo in Frage: Aufklärend, informativ, erleuchtend – absolut sehenswert. Besonders für alle, die sowieso schon alles ganz genau wissen.

Hp: Arnulf Rating

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: Carlo Wanka/ Carlo WvL

Kategorien:Kabarett, Kritik
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