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Es steppt der Wortgrizzly – Kritik Jochen Malmsheimer


2019-01-28 jochen malmsheimer - wühlmäuse - foto © carlo werndl von lehenstein 07Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage

Von Carlo WvL

BERLIN – Volles Haus und ein gemischtes Volk. Vom 18-jährigen bis zum Standard-Kabarettpublikum zieht Jochen Malmsheimer Besucher in die Wühlmäuse. Sie lachen, toben und kommen nicht zur Ruhe.
Malmsheimer eröffnet mit einer von seinem gebenedeiten Agenten handelnde Geschichte. Gegen seinen Willen wird er zum Schreiben eines neuen Programms gezwungen, was er prompt ablehnt. Doch dann besinnt er sich. Gerade sein Agent sei jeder Zeit ein guter Ratgeber gewesen, und deswegen verdiene er es, besonders gut gepflegt zu werden und solle immer Malmsheimers Wertschätzung spüren dürfen. So ruft er den Agenten an. Es folgt eine Beweihräucherung vom Feinsten: „Oh Agent, der du dich stets …“ Diese ehrerbringende Schleimerei stoppt mit des Agenten Antwort: „Mach nicht so einen Wind und schreib endlich!“

Jochen Malmsheimer verlässt den Mikrophonständer und setzt sich an einen Tisch, den er, ausgenommen sei die Pause, bis zur Zugabe nicht mehr verlässt. Vor ihm das Manuskript des Programms, das ein durch seine Frau verschuldetes Reisetagebuch ist. Die Städtereise nach Venedig – mit dem Bus.

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Diese Tatsache lässt allein durch Malmsheimers Gebärden in einem das Bild eines Grizzlys im Schuhkarton aufkommen. Kurz schwankend zwischen Mitleid und Neugier auf seine Qualen tendieren die Zuschauer eindeutig zum Zweiten.
Herrn Malmsheimers Beschreibungen der Entstehungsituation, der Mitreisenden, sowie viele Quergedanken und Absurditäten sind verbale Hochseiltänze, die durch seine phonetische Dynamik nun eine Lachwelle nach der anderen auslösen.

Gefangen in der Enge des Fahrgastraumes lässt er seine Gedanken bis in die Kindheit rasen. Egal ob zum Thema Babies, Kinder oder moderne Jugend (die so spricht, wie sie tippt, und es nicht für nötig hält, das „Gedaumte vor dem Abschicken gegenzulesen“) – Malmsheimer setzt sie in eine Situationskomik. Menschen, die nebeneinander sitzen und per Handy kommunizieren, kommentiert er mit: „Mehr Unfug war nie!“ Von seiner, ihn sprachlich stark beeindruckenden Oma, die die Artikel nach Gutdünken verteilte, erfuhr er, warum sie immer ‚der Salz‘ sagte: Nämlich weil die Fähigkeit des Salzes, mit nur wenigen Körnchen eine ganze Mahlzeit zu ruinieren, eine sehr männliche Eigenschaft sei.
Dann wieder gibt er seinen Senf zu den passierten Städten, der Talkshow in der hochwertigen Audio-Visions-Anlage, die alles kann – außer einen in Ruhe zu lassen.

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Nach der Pause amüsiert er sich erstmal darüber, dass die Konservendose 1810 erfunden wurde, während der Dosenöffner erst 1855 auf den Markt kam. Über kleine Abschweifungen wie dem Erfinder der Tupperdose, den er als einen Erwin Tupper aus dem Sächsischem Langenweiler erdichtet, oder wie der Quantenwelt, in der sich Teilchen allein durch die Beobachtung verändern, kommt er auf Idioten. Von denen würde er sich wünschen, dass auch diese sich allein durch Beobachtung zum Guten ändern, denn dümmer geht es ja nicht mehr. Und damit verarztet er nun Pegida, AfD, braunen Klärschlamm und die nationalistische Jauche und nimmt unter Jubelunterbrechungen kein Blatt vor den Mund.

Einem ihm von einer barocken Mitfahrerin angebotenen vergorenem Kartoffelsalat verdanken wir die spannenden Abenteuer, in denen alle Mitreisenden zu Helden seiner lektürereichen Jugend mutieren. Long John Silvers, Odysseus, Robin Hood, Siegfried der Drachentöter, Wilhelm Tell mit Sohn, Martin Luther, Sam Hawkins und, und, und … tauchen auf. Nur der Häuptling der Mescalero-Apachen Winnetou kommt als Drilling – Friedenshäuptling Winneone, Kriegshäuptling Winnetwo und Finanzhäuptling Winnethree – was im späteren Verlauf zu einer klassischen Win-Win-Win-Situation führt.
Was nun folgt, ist eine weiter Großkunst, wie Malmsheimer zwischen Fiktion und Realität jongliert. Sitzend steppt er zwischen Figuren und Raum und Zeit.
Es ist erlebenswert, wie Jochen Malmsheimer Quatsch und Nonsens mit Tiefsinnigkeit und Anspruch auf leichte Art und Weise präsentiert. Auch nach der Zugabe, beim anerkennenden Dank an die Haustechniker reißt er noch urkomische Sprüche, und die Zuschauer amüsieren sich bis zur letzten Sekunde.

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Er liebt es, einfachste Handlungen in komplexe Wortwerke zu verflechten, die er gerne mal mit Fremdwörtern aufpoliert. Diese bildreichen Schilderungen liest er in einem Affentempo vor. Von verdutzt und verdattert bis hin zu entsetzt, gar wütend schlägt sein Stimmungsbarometer aus. Und immer ist dieser bärengroße Mann ein listiger Schelm, der mit spürbarer Freude sein Publikum unterhält.

Webseite: Jochen Malmsheimer

©2019 BonMoT-Berlin Ltd.
Fotos: Carlo WvL

Kategorien:Kabarett, Kritik
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