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Abschied von einem großen Sachsen

Manfred Uhlig ist mit 91 Jahren gestorben
von Harald Pfeifer
Sein Humor war geradezu entwaffnend. Er konnte selbst mit bekannten Witzen bezaubern. Der sächsische Humor war einfach seine Lebensart. Seine Art, der Welt, wie sie auch sein mochte, zu begegnen. Für sein Publikum war er quasi Volkseigentum. Aber ganz so lustig war das alles nicht, denn Quatsch braucht Ordnung. Jeder Witz ist Präzisionsarbeit. Und so ließ Manfred Uhlig nicht locker, bis der Quatsch wahrhaft zu strahlen begann.
Seinem Sachsen ist er zeitlebens treu geblieben. 1927 wurde er in Leipzig geboren, dort starb er im Juli 2019 und gefühlt war er auch sonst immer in unmittelbarer Nähe der Stadt an der Pleiße. Dort, wo der sächsische Humor seine Heimstadt hat und wo er immer wieder neu erfunden wurde. So ganz erwachsen war er nie geworden, und das Lachen war ihm ein Lebensmittel. Und wenn er sagte: „Der Dach hädde so scheen wern kenn, un jetzt gommst du“, war das eine überaus herzliche Begrüßung. Die Bühne war für ihn dort, wo Leute waren. Da musste es nicht unbedingt ein Podest geben. Und wenn er dann Publikum hatte, war er von Null auf Hundert in drei Sekunden.
Seine besten Jugendjahre musste er im Zweiten Weltkrieg verleben. Keiner hat ihn da gefragt, auch nicht, als man ihn ganz zum Schluss zum Flakhelfer gemacht hat. Nach dem großen Elend trieb es ihn zur Schauspielerei. Das studierte er von 1948 bis 1950 – natürlich in Leipzig. Danach gab es verschiedene Engagements, bei denen sich bereits seine komödiantischen Talente zeigten. Und so dauerte es auch nicht lange, bis er beim Kabarett landete. Zur Wahl standen die Distel und die Leipziger Pfeffermühle, beide waren interessiert. Es zog ihn natürlich in seine Geburtsstadt.
Gleich mit dem ersten Programm, es hieß „Rührt Euch!“, gab es großen Ärger. Eigentlich war das Programm von den Genossen gut gelitten, doch dann kam der Volksaufstand in Ungarn dazu. Das änderte die Meinung der Genossen über das Programm. Eines Abends kam bestellter Parteimob ins Kabarett und stürmte während der Vorstellung die Bühne. Die Folgen waren: Der Chef des Kabaretts, Conrad Reinhold, wurde in die Wüste geschickt, landete aber in Frankfurt am Main, ebenso setzte sich der Schriftsteller und Kabarett-Texter Gerhard Zwerenz in den Westen ab und Erich Loest, der ebenso Autor des Kabaretts war, blieb und wurde ein knappes Jahr später wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Manfred Uhlig wusste also früh, welchem Metier er sich da verschrieben hatte. Aber genau genommen war er ja nur sechs Jahre Kabarettist. Von 1956 bis 1962.
Dass er dennoch immer auch als Kabarettist bezeichnet wurde, lag daran, dass er als Sachse immer heiter und ein unverbesserlicher Spötter war. Er liebte dieses Genre über alles und war bis zuletzt über die Szene in der Republik bestens informiert. Wenn es um alten Zeiten ging, von denen man nur vom Hören, Sagen oder Lesen wusste, erzählte er aus eigenem Erleben. Er kannte Geschichten und Anekdoten, die er dann seinem Gegenüber mit der Geste großen Erstaunens ausbreitete. In Sachen Unterhaltung in der DDR war er ein zeitgeschichtliches Informationsbüro. Und alle tauchten sie da auf, von Ellen Tiedtke und Helga Hahnemann oder Eberhard Cohrs und Heinz Quermann bis hin zu Herricht und Preil, aber auch Lutz Stückrath oder Horst Köbbert.
Mit denen war er als „Die drei Dialektiker“ von 1972 bis 1977 im „Kessel Buntes“ aufgetreten, die über den DDR-Alltag freundlich lästerten. Freundlich deshalb, weil die Genossen, wenn‘s ums Lachen ging, überaus empfindlich und humorlos waren. Vor allem, wenn die Späße auf den Bildschirm kamen. Beim Publikum waren „Die drei Dialektiker“ sehr beliebt. Das machte ihnen aber das Arbeiten unter den Augen der Ideologen nicht gerade leichter. Diese spöttelnden Dialektiker gab‘s dann nur fünf Jahre. Darauf aber legte Manfred Uhlig immer großen Wert, es war das Trio, das dem Fernsehen der DDR gekündigt hatte. Manfred Uhlig war schon seit 1965 als Radiounterhalter sehr erfolgreich. Seine Sendung hieß „Alte Liebe rostet nicht“, eine öffentliche Rundfunkveranstaltung, in der die jeweils besuchte Stadt näher vorgestellt wurde. Damit hat er es fast auf 300 Veranstaltungen gebracht. Von 1965 bis 1989. Das war sein eigentliches Meisterstück. Da kamen alle seine Neigungen zum Einsatz, vor allem sein Humor, seine Spitzfindigkeit, aber auch seine Akkuratesse und sein journalistischer Eifer. Das war ernstzunehmender Spaß in der großen Form.
Im vereinten Ländle war Manfred Uhlig dann nicht mehr so sehr gefragt, da musste alles neu sein. Aber er hat sich nicht zurückgezogen, war im Kabarett immer anzutreffen. Nicht alleine, immer mit seiner Ruth. Sie saßen zusammen, bei einem Glas Weißwein, ein glückliches Ehepaar. 70 Jahre lebten sie zusammen, und dass es anders nicht ging, zeigte sich, als seine Ruth kurz vor seinem 90. Geburtstag starb. Da war genau genommen auch sein Leben zu Ende. Ein Mann, der mit seinem Charme und Witz jeden zum Lachen bringen konnte, dem war nun das Lachen nicht mehr selbstverständlich. Zweimal war er dann noch einmal der Alte. Zu seinem 90. Geburtstag im September 2017 in der Leipziger Pfeffermühle und als er im Oktober 2017 die Goldene Ehrenhenne erhielt. Da war kurz alles vergessen, was ihm in die Knochen gefahren war und was ihn bedrückte. Am 24. Juli 2019 wurde nun von seinem Lieblingsfußballklub „Chemie Leipzig“ bekannt gegeben, dass Manfred Uhlig mit 91 Jahren gestorben ist.

©2019 BonMoT-Berlin
Foto: privat

Kategorien:in memoriam, Kabarett
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