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Der Wettbewerb um die 34. St. Ingberter Pfanne – Zweiter Tag

Scharrenberg - Foto © Rainer HagedornJean-Philippe Kindler, Gabor Vosteen, Jakob Friedrich

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Zum Wettbewerb um die St. Ingberter Pfanne gehört natürlich auch ein Moderator. Gekonnt stellt Philipp Scharrenberg jeden Teilnehmer in Reimform vor. Er findet die richtige Länge und macht Appetit auf die Künstler, ohne sich selbst zu sehr in den Vordergrund zu spielen.

„Mensch ärgere Dich“ heißt das Programm des 23-jährigen Jean-Philippe Kindler. Seit drei Jahren spielt er auf der Bühne und hat beim Poetry Slam schon große Erfolge gefeiert. Klar, dass ihm Fridays for Future nahegeht. Doch zu den Akteuren und ihrer Anführerin kann er nur das bereits Bekannte sagen. Schon ist ein Drittel seines dreiviertelstündigen Auftritts vorbei, ohne dass Substanzielles geschehen ist.

Kindler - Foto © Rainer HagedornKindler springt von Thema zu Thema und reißt viel an, ohne zu vertiefen. An Religionen und Religionersatzstoffen beißt er sich fest. „Karma als Gottersatz“ heißt ein längerer Text, den er auswendig vorträgt. Er selbst findet sich durchgehend lustig, doch im Publikum scheinen immer nur einzelne Reihen Spaß zu haben. Kindler sagt über sich selbst, er freue sich, wenn sich andere über ihn ärgern.

Das dürfte ihm auch bei den Veranstaltern gelungen sein. Denn seine Forderung nach mehr weiblicher Präsenz auf den Bühnen – auch in diesem Wettbewerb – findet beim Publikum sehr große Unterstützung.

Gelungen ist auch seine multimediale Darstellung des Spiels „Mensch ärgere dich nicht“. Durch die unterschiedlichen Ausgangspositionen der Mitspieler stellt sich für jeden ein anderer Spielverlauf dar: Einer hat viele Felder auf dem Spielfeld, die ihn immer wieder zurückwerfen, ein anderer viele Felder, die sein Weiterkommen begünstigen. Eben wie im wirklichen Leben. Sehr freundlich applaudiert das Publikum.

Vosteen - Foto © Rainer HagedornGanz ohne Worte kommt Gabor Vosteen in seinem Programm „The Fluteman Show“ aus. Er bringt auf ungewöhnliche Art dem Publikum die (Block-)Flötentöne bei. Werke von Bach, Mozart und Paganini sind vor seinen Interpretationen nicht sicher. Zur großen Gaudi des Publikums spielt Vosteen „Die kleine Nachtmusik“ mehrstimmig auf drei Blockflöten gleichzeitig, wobei er auch die beiden Nasenlöcher zum Musizieren nutzt. Es gelingt ihm unter atemberaubenden Verrenkungen sogar, fünf Blockflöten gleichzeitig zu spielen!

Zum Piepen ist seine Orchesterprobe mit vier Zuschauer_innen. Vier Blockflöten werden auf drei Frauen verteilt, ein Mann bedient ein kleines Becken. Da jede Flötistin nur einen einzigen Ton spielen muss, können alle zusammen musizieren. Diese, nun sagen wir Generalprobe, begeistert.

Vosteen spielt „Smoke on the Water“ von Deep Purple auf einer elektrisch verstärkten Flöte und entlockt ihr echten Rock ’n‘ Roll. Mit einer Bassblockflöte und einer Loop-Maschine schafft er Urwaldatmosphäre in der St. Ingberter Stadthalle – wozu natürlich auch sein charmanter Kopfschmuck aus Blockflöten beiträgt. Begeistert und rhythmisch klatscht das Publikum. Ein erster Pfannenkandidat.

Friedrich - Foto © Rainer HagedornJakob Friedrich schreibt an seinem ersten Programm. Es wird „I schaff mehr wie Du!“ heißen und im Frühjahr 2020 Premiere haben. Ausschnitte daraus zeigt er im Wettbewerb. Als schwäbischer Facharbeiter „mit bremischen Migrationshintergrund“ betrachtet er seine Umgebung aus der blauen Latzhose heraus.

Auch im wirklichen Leben Mechatroniker, macht er sich Gedanken über die Fallen des ersten Arbeitstages in einem neuen Unternehmen und die unterschiedlichen Mentalitäten der Bremer und Schwaben. Schließlich kann man jeden Schwaben mit dem dem Ausruf „I schaff mehr wie Du!“ aus der Ruhe bringen.

Er mäandert zwischen dem psychoanalytischen Begriff der Projektion im Straßenverkehr und in der Ehe, dem Soziolekt der Studenten und dem Medientraining für Fußballer. Alles exakt beobachtet, aber noch nicht ausreichend angereichert.

Die Eigenarten seiner Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen haben es Jakob Friedrich besonders angetan. Er hat sie gut konzentriert und einzelnen Charakteren zugeordnet. So entsteht ein Panorama ganz normaler Leute mit ganz alltäglichen Macken, die aber manchmal ganz ungesunde Ansichten haben.

Besonders stark ist ein Gerichtsurteil, das Friedrich so formuliert, wie sein Nachbar denkt. Also in etwa: Der Angeklagte ist schuldig, weil er schon so aussieht und sein Telefon besser als meins ist. Noch mehr Nummern dieses Formats würden dem Programm guttun. Doch Jakob Friedrich hat ja noch ein halbes Jahr Zeit bis zur Premiere. Das Publikum spendet warmen Applaus.

GC, 9. September 2019, © 2019 BonMot-Berlin Ltd.
Fotos: Rainer Hagedorn

HP: Jean-Philippe Kindler | Gabor Vosteen | Jakob Friedrich

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  1. 15. September 2019 um 22:53

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