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Jazzige Pop-Chansons aus der Schweiz

Michael von der Heides neues Album „Rio Amden Amsterdam“

von Axel Schock

BERLIN – Was ist dem deutschen Publikum da in den vergangenen zwei Jahrzehnten alles schon entgangen! Aber für manchen Künstler scheinen die Alpen nur schwer zu überwinden zu sein. Wobei man Michael von der Heide wahrlich nicht vorhalten kann, er habe sich zu wenig bemüht. Zwischenzeitlich schien es nur eine Frage der Zeit, bis auch ihm hierzulande die Menschen zu Füßen liegen.

Als Schweizer Vertreter beim Eurovision Song Contest 1998 bekam Michael von der Heide die größtmögliche internationale Bühne und damit auch erstmals Aufmerksamkeit über die Grenzen hinweg. Theaterfans hatten den Sänger, Schauspieler und Entertainer bereits bei Gastspielen von Christoph Marthalers gefeierter Produktion „Lina Böglis Reise“ erlebt. Spätestens mit seinem Album „30°“ (1998) setzte von der Heide dann als Chansonnier nicht nur durch die originellen Texte der anspruchsvolleren Art (u.a. von Milena Moser und Martin Suter), sondern auch durch ausgefeilte, zeitgemäße Arrangements neue Standards. Selbstsicher und ganz selbstverständlich wechselt der Wahl-Zürcher aus der kleinen Gemeinde Amden im Kanton St. Gallen zwischen Hochdeutsch, Schwyzerdütsch und Französisch, souverän eignet er sich auch den Liedschatz und die Chansonstraditionen dieser Sprachräume an.

Man schämt sich fast dafür, dies so deutlich formulieren zu müssen: Aber das deutsche Publikum (und der deutsche Markt) können ganz schön ignorant sein.
Die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises würdigte Michael von der Heide im Jahr 2000, und zumindest die Fachwelt hätte spätestens in diesem Moment die hiesigen Bühnen für ihn bereiten müssen. Dabei hat er selbst immer wieder Brücken zum deutschen Publikum gebaut: ein schräges Duett etwa mit Nina Hagen (den „Kriminaltango“), Kollaborationen mit Annette Humpe und ein eigens für den deutschen Markt komplett in Hochdeutsch aufgenommenes Album (produziert von Ich + Ich). Doch Michael von der Heide blieb in Deutschland immer nur ein Geheimtipp.

Glücklicherweise weiß seine Schweizer Heimat ihn und seine musikalischen Qualitäten samt seiner Handlungsfähigkeit zu schätzen. Dort ist er zu Recht ein Star und auch unermüdlich mit seinen Shows auf Tour. Nach einer Knef-Hommage hat er das musikalische Werk der Schweizer Schlagerikone Paola einer Neubewertung unterzogen, und er steht weiterhin auch auf Theater- und Musicalbühnen (zuletzt u.a. am Theater Basel in Friedrich Hollaenders „Spuk in der Villa Stern“). Und er entwickelt sich auch in den eigenen Projekten musikalisch permanent weiter.
Auf seinem neuen Album „Rio Amden Amsterdam“ nehmen er und sein Produzent Thomas Fessler erstmals jazzige Anleihen. Die Plattenfirma nennt Jamie Cullum und Diana Krall als Inspirationsquellen, der Sound und die Songs aber eröffnen einen weit größeren Horizont. Swing, Bossa-Nova oder rauchige Jazzballaden – eigentlich jeder dieser ausgefeilt arrangierten und instrumentieren Songs ist eine musikalische Überraschung.

Gut zwei Drittel der Songs sind Coverversionen, aber was für Fundstücke! Beziehungsweise, wie virtuos und überzeugend hat er sich diese Lieder angeeignet. Charly Niessens Knef-Song „In dieser Stadt“ wird zu einer jazzigen Mid-Tempo-Nummer. Juliane Werdings „Eiskalter Sommer“ bekommt eine lässig-zeitlose Jazz-Instrumentierung, die sich zum Bigband-Sound aufschwingt. Mit „Träume“ – der Song wurde ursprünglich für eine „Tatort“-Folge aufgenommen – beweist von der Heide, dass Rio Reisers Werk doch weitaus mehr coverfähige Balladen birgt, als den vielgesungenen „Junimond“. Mit Boris Vians „S’il pleuvait des larmes“ und „Il est mort le soleil“ der französisch-schweizerischen Sängern Nicoletta (noch so eine Wiederentdeckung) huldigt er wiederum dem klassischen französischen Chanson – ganz schlicht, reduziert und mit enormem Ausdruck.

Ganz andere musikalische Farben und sängerische Facetten präsentiert Michael von der Heide hingegen mit jenen Songs, die von ihm mit bzw. für ihn geschrieben wurden. Selbstironisch und mit einem Augenzwinkern rekapituliert er in „Zuhause konnte ich es noch“ seinen Werdegang von der Schule über die Krankenpflegerausbildung bis zur Showbühne. „Tüüf underem Schnee“ ist ein im besten Sinne volkstümlicher Walzer, der sich mit seinen Kirmes-Orgelklängen unweigerlich als Ohrwurm festsetzt. Wenn es derzeit auch keine Gelegenheit gibt, Michael von der Heide in Deutschland live zu erleben, sein neues Album bietet eine gute Gelegenheit, seine Vielseitigkeit kennenzulernen.

©2019 Bonmot-Berlin

CD Michael von der Heide: „Rio Amden Amsterdam“

Homepage Michael von der Heide

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