Der Wahn des Jahres 2019

Kabarettistischer Jahresrückblick 2019 in der Komödie im Schillertheater
von Beate Moeller

BERLIN – »The same procedure as every year« möchte man mit Miss Sophie sagen, wenn das Jahresendzeit-Team antritt, um die Quintessenz aus dem vergangenen Jahr zu ziehen. Doch was dereinst als Leseshow mit Musikbegleitung begann, hat sich im Laufe von 20 Jahren zu einem erwachsenen Theaterereignis entwickelt, das auf der Bühne des Schillertheaters so richtig zur Geltung kommt.

Hannes Heesch steigt als geistig schlichte AKK mit korallenrotem Bundeswehrbarett in die Bütt, »Die Ehe ist ein zartes Pflänzsche, doch alles hat sei Obergränzsche«. In Karnevalistenuniform stehen Horst Evers, Bov Bjerg und Manfred Maurenbrecher stramm – jedes Mal, wenns witzig sein sollte. Allerdings nur so lange, bis (Christoph Jungmann als) Angela Merkel dem Klamauk ein Ende setzt, die CDU-Vorsitzende zurückpfeift und selbst das Kommando an sich reißt. Schließlich ist die Moderation dieses kabarettistischen Jahresrückblicks traditionsgemäß doch ihr Job!

Was war wichtig 2019? Welche Menschen und Ereignisse haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Dem Jahresendzeit-Team kommt es dabei weniger auf historische Vollständigkeit an als darauf, Stimmungen, Entwicklungen und Trends auf die Schippe zu nehmen. Den unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten, den verschiedenen Spielformen und Rollen und selbstverständlich auch dem Tempo ist es zu verdanken, dass dieser Abend wie im Flug vergeht.

Christoph Jungmann führt als Angela Pastorentochter ein strenges Regiment, lässt aber auch Einblicke ins höchst Private zu, wenn er mit anstoßendem S aus ihrem Tagebuch vorliest, in dem sich schon 2005 Formulierungen wie »alternativlos« und »Ich schaffe das!« finden und aus dem wir endlich erfahren, auf welcher Strategie ihre beispiellose Karriere in der Politik basiert. Würde mich mal interessieren, was die real existierende Kanzlerin von dieser Figur hält. Singen kann er übrigens auch. Für seine kraftvolle Parodie auf Herbert Grönemeyer – »Gut, wenn du wieder weißt, was es heißt, links zu sein« – spendet das Publikum gehörigen Applaus. In der Stimmlage von Zarah Leander schmettert er »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn«.

Mit feiner Ironie stellt Bov Bjerg die beiden besten Spielfilme des Jahres 2024 vor, deren Drehbücher von Nachrichtenredakteuren geschrieben wurden. Denn die Fernsehnachrichten am Abend sind in der Zukunft längst überflüssig geworden, seit Twitter und Facebook ihnen schon tagsüber die Arbeit weggenommen haben. Mit schwarzer Perücke und säuselndem Schwäbisch setzt er als Jogi Löw Fußball und Leichtathletik ins Verhältnis – am Beispiel der Leichtathletik WM in Katar. En passant erfahren wir Näheres über den respektvollen Umgang mit Frauen und Homosexuellen in dieser vorbildlichen Demokratie, die sich auch mit großzügigen Geschenken an Kriegstreiber international in die erste Liga gespielt hat.

Verrückte Welt auch bei Horst Evers: Bei ihm geht sogar googlen verkehrtrum. Die Verblüffung ist groß, als Google nach ihm sucht, weil die Algorithmen sich über die Langweiligkeit seines Lebens beschwert haben. Überhaupt, diese Technik! Das Publikum ist ganz auf seiner Seite, wenn er sich kulleräugig über die Schikanen des Computers empört. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Online-Banking nur nach einer 17-Faktoren-Authentifizierung richtig sicher ist. »Wovor muss sich die Menschheit mehr fürchten, vor künstlicher Intelligenz oder vor menschlicher Dummheit?«
Und noch einen technischen Fortschritt gabs 2019 zu verzeichnen. Köstlich Horst Evers’ Beitrag über den neuesten Schritt zur Optimierung der Mobilität in Innenstädten, den E-Roller. Nach seiner Beschreibung von tollkühnen Rollerfahrern an der stark befahrenen Kreuzung Mehringdamm-Ecke-Gneisenaustraße entfaltet der Werbeslogan »das Fahrzeug für den letzten Kilometer« erst seine vollständige Bedeutung.

Für die Parodien bei diesem kabarettistischen Jahresrückblick ist Hannes Heesch zuständig. Mit ein bisschen Kostüm, aber vor allem mit Haltung und Ausdruck zaubert er mit sprühendem Charme sein Panoptikum. Seine peinliche AKK mault »Es gibt kein einziges saarländisches Restaurant in Berlin«. Bester Stimmung dagegen Ursula von der Leyen, womit das Trio der drei mächtigsten deutschen Politikerinnen auf der Bühne des Schillertheaters komplett wäre. »Geboren in Europa!« prahlt sie mit ausladenden Gesten in ihrer Rede vor dem Parlament. Selbstverliebt suhlt sie sich in Eigenlob, springt wie das Original von einer Sprache in die andere, ist selbst ganz entzückt von ihren phänomenalen Sprachkenntnissen, von ihrem kultivierten Umgang seit Kindheitstagen, ach und überhaupt so von ihrer einzigartigen Persönlichkeit.

Viel mehr noch als ein Geschichtenerzähler am Klavier ist Manfred Maurenbrecher, von radikaler Konsequenz im Denken und messerscharfer Präzision im Texten. Persönlich, ja geradezu wehmütig gestaltet er seinen Abgesang auf eine Berliner Institution, die Litfaßsäule. In dem Lied über »Wetten, die ich mit mir selbst abgeschlossen habe – und verloren« kommt der enttäuschte Optimist zu Wort. Aus »In der Mitte der Gesellschaft« über die Rechtspopulisten sprechen Wut und Zorn – »Extremisten wird es immer geben, aber der größte Hobel ist das Leben«. Maurenbrechers gesungene Gedankenspiele kommen mal ganz leise, mal voller Wucht daher, ergreifend sind sie in jedem Fall.

Einmal im Jahr tun sich diese fünf Solisten für ihren Jahresrückblick zusammen. Den Rest der Zeit geht jeder seiner eigenen Wege. Vermutlich deswegen haben sie sich im Verlauf der vergangenen 20 Jahre nicht aneinander aufgerieben, sondern können ihr Programm, in dem sie bei den Ensemble-Nummern zu Hochform auflaufen, mit dieser unverbrauchten Spielfreude präsentieren. Als Eisbären tanzen und singen sie »Grönland, du bist am Schmelzen. Die Sonne knallt so warm und doch so kalt.« Bitter wahr und doch ein herzerfrischender Schabernack. Am Ende dieser rasanten Mixtur aus Text, Tanz und Gesang steht bereits die Aussicht auf den Jahresrückblick 2020. Werden sie dann die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens BER am 31. Oktober 2020 kommentieren können?

 

©2020 BonMoT-Berlin
Fotos: Carlo Werndl von Lehenstein

 

HPs.: Bov Berg | Horst Evers | Hannes Heesch | Christoph Jungmann | Manfred Maurenbrecher

Das Buch mit Durch- und Einblick: Merkeljahre sind keine Herrenjahre

2020-01-02 JEZP Schillertheater - Foto © Carlo Werndl von Lehenstein 17

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