Jahresendzeitprogramm zieht Quintessenz 2010 – Premierenkritik

Jahresendzeitprogramm_2010_01

Der kabarettistische Jahresrückblick im Mehringhoftheater

BERLIN (bm) – Ein Jahreswechsel ohne Jahresendzeitprogramm ist nicht mehr vorstellbar. Nur einige Tage im Dezember und Januar treten sie gemeinsam auf: Die beiden Vorleser Bov Bjerg und Horst Evers in Begleitung des Klavier spielenden Geschichtenerzählers Manfred Maurenbrecher bildeten bis 2008 noch das ‚Mittwochsfazit‘. Zusammen mit dem Parodisten Hannes Heesch und Christoph Jungmann ziehen sie als ‚Jahresendzeitteam‘ die Quintessenz des Jahres. Weiterlesen

Nach den Auftritten im Berliner Mehringhof-Theater gibt es den kabarettistischen Jahresrückblick 2010 mit dem Jahresendzeitprogramm in den kommenden Tagen hier zu erleben:

09. Januar Berlin, Komödie am Kurfürstendamm, 12 Uhr und 20 Uhr
12. Januar Düsseldorf, Sparkasse
13. Januar Düsseldorf, Sparkasse
14. Januar Kiel, Metro
15. Januar Kiel, Metro
16. Januar Kiel, Hansa 48, 11 Uhr
16. Januar Hamburg, Polittbüro, 20 Uhr

Jahresendzeitprogramm_2010_02

Die frechste aller Musen für Auge, Ohr und Hirn – Christine Rothacker – Portrait

Christine Rothacker Foto © HP_christine-rothacker - Montage Carlo WankaDie frechste aller Musen für Auge, Ohr und Hirn – Christine Rothacker

von Carlo Wanka

Sie ist keine 08-15 Diva, sie ist niemals die dramatische Grande Dame. Sie ist die feinfühlige Wilde mit der Gabe, die Schwächen so wie Stärken ihrer Figuren sensibel herauszuarbeiten. Wenn sie sich als illegale Tochter von Frank Sinatra in ‚The Ladies Ratpack’ Weiterlesen

Sankt Ingberter Pfannen 2010 für …

Florian Schroeder aAbschlußparty und Preisverleihung / Moderation: Florian Schroeder

Der Preis „Sankt Inberter Pfanne“ wird jährlich im Rahmen der „Woche der Kleinkunst“ verliehen.
Der Wettbewerb wird für folgende Themenbereiche ausgeschrieben:
Politisches und unterhaltendes Kabarett- auch Comedy
Liedermacher, Chanson
Variété, Magie, Gaukler
Bewegungs- und Tanztheater
Pantomime, Visual Comedy



Die Ergebnisse der Preisvergabe:





2 mal Jury-Preis:

Philipp Scharri 1001a
1. Philipp Scharri

Wiebke Eymess und Friedolin Müller a
2. Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie



Publikumspreis:

Axel Pätz a
Axel Pätz



Extrapreis der Sparda Bank:

Stefan Ebert a
Stefan Ebert


Herzlichen Glückwunsch!

Das Team von Live & Lustig gratuliert den Preisträgern



weitere Quelle: http://www.sr-online.de/kultur/1940/1113419.html
Gilles Chevalier © 2010 BonMoT-Berlin Ltd

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Fünfter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Rotwein, FC-Bayern und verkehrte Emanzipation
Die fünfte und letzte Speisung aus der St. Ingberter Pfanne

Lüder Wohlenberg a2002 gewann er zusammen mit Thilo Seibel vom Vorabend und ihrem Programm “Kultmörder” die St. Ingberter Pfanne. Nun präsentiert Lüder Wohlenberg Ausschnitte aus seinem Programm “Spontanheilung”. Ach, schon wieder Kabarett über Medizin, mag mancher denken. Denn Wohlenberg ist Facharzt für diagnostische Radiologie. Doch so klar ist die Sache nicht, denn der Künstler spielt zwei Rollen: Einerseits ist er der Profipatient Haderscheid, der in einen Bademantel gekleidet und in breiter Kölscher Mundart über seine Erfahrungen berichtet.
Andererseits ist er der smarte Moderator, der sich über die Merkwürdigkeiten des Gesundheitswesens auslässt. Er berichtet von 4 Millionen Arbeitsplätzen, die am Gesundheitswesen hängen und schlägt vor, dass sich der Patient vom Arzt eine Provision zahlen lässt, wenn er mit einem behandlungsbedürftigen Befund zu ihm kommt. Er rechnet vor, wie man zwei Jahre länger leben kann, wenn man alle Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt. Trinkt man regelmäßig ein Glas Rotwein, verlängert sich die Lebenserwartung jedoch um vier Jahre. Saufen bringt also mehr als der regelmäßige Arztbesuch. Bei solchen Erkenntnissen hilft nur die Pille für das Vergessen, ein neues Lifestyle-Medikament. Überhaupt: “Wir müssen an die Gesunden heran, weil viele Kranke nicht genug Geld haben. Zum Beispiel die Malariakranken in der Dritten Welt.” Wohlenberg öffnet dem Zuschauer als smarter Moderator die Augen für die wirtschaftlichen Zusammenhänge in Medizin und Pharmaindustrie. Ganz ohne erhobenenen Zeigefinger und ganz nebenbei. Er lädt ein zu einer intelligent gestalteten Reise durch das Gesundheitssystem und erzählt von Ärzten und Abrechnungen, von empirischen Studien und Schlimmerem.
Der Profipatient Raderscheid gibt dagegen Tips zum richtigen Verhalten im Krankenhaus. Das ist keine Philosophiestunde im Stile populärwissenschaftlicher Ratgeber – das ist knallharter Ärztealltag! Die Zuschauer erkennen die beschriebenen Situationen wieder und feiern Lüder Wohlenbergs “Spontanheilung” mit begeistertem Applaus. Preisverdächtig!

Axel Pätz aEin Spätberufener auf der Kabarettbühne ist Axel Pätz. Der Hamburger ist mit Mitte fünfzig und mit seinem ersten Kabarettprogramm “Die ganze Wahrheit” unterwegs. Er nimmt auf einem Sessel der Adenauer-Zeit am Flügel Platz und trägt zunächst unnützes Wissen aus dem Lexikon vor, bevor er sich über überbehütete Kleinkinder ohne Abwehrkräfte auslässt, die ausschließlich mit Nahrungsmitteln aus dem Bioladen aufwachsen. Der zweifache Vater kennt die Hintergründe und weiß: “Die wahre Gefahr heißt nicht Bin Laden, sondern Bioladen!” Er hält dagegen und fordert die leckeren Dinge. Nicht die gesunden…
Pätz outet sich mitten im Saarland musikalisch als Fan des FC Bayern München – und findet im Saal sogar Gleichgesinnte. Unter großem Jubel besingt er den Geburtsvorgang aus der Sicht eines Neugeborenen, der in einem Geburtstrauma endet. Ganz still wird es dagegen, wenn er ein Gespräch mit seiner altersdementen Mutter spielt. Er kann aber auch politisch, wenn er “Morgen gründen wir ´ne Bank” singt und so einen möglichen Ausweg aus Hartz IV beschreibt. Schwarzhumorig geht auch, denn “Das Leben ist Gefahr”. Und die droht nicht nur aus Nordkorea, sondern auch von Fernsehsendungen grenzdebilen Inhalts.
Axel Pätz nimmt man seine Rollen ab, er kommt sehr natürlich über die Rampe und hat keine Scheu, in der einen oder anderen Nummer lächerlich zu wirken. Originelle Texte kleidet er in musikalische Perfektion. Pätz, der sich mit seiner Erfahrung in Oper, Rock, Kindertheater und Chorleitung als künstlerischer Gemischtwarenhändler versteht, hat seine Programmausschnitte geschickt aufgebaut. Das Publikum dankt es ihm mit langem, kräftigem Applaus. Preisverdächtig!

Tina Häusermann und Fabian Schläper aZum Abschluss der St. Ingberter Kleinkunstwoche betreten “Zu Zweit” die Bühne. Tina Häussermann und Florian Schläper zeigen Ausschnitte aus ihrem musikalischen Programm “Ich war’s nicht”. In einer Art umgekehrter Emanzipation spielt hier überwiegend Frau Häussermann am Flügel, während Herr Schläper singt. Nach einem gewollt missglückten Beginn singen sie ihr “Politessenlied”, in dem die Rache des Autofahrers mit Sekundenkleber am Scheibenwischer so richtig ausgelebt wird. Ohne Musik wird ein Grillabend bei Sandra und Michael beschrieben, bei dem Michael lediglich den Grill bedient, während Sandra alle vor- und nachbereitenden Arbeiten durchführt. Schön, schön, aber was hat das mit dem Programmtitel zu tun?
Ob Apfel oder Ehebett: In dem Lied “Da ist der Wurm drin” versuchen die beiden erfolglos, sich sängerisch zu überbieten. Es hilft nichts: Beim gemeinsamen Singen kommen sie einfach nicht auf Anhieb zusammen. Die Vor- und Nachteile des Alleinlebens, ein Märchen in Liedform und ein Werbelied für homosexuelle Lebensformen schließen sich an. Mit dem Programmtitel hat das immer noch nichts zu tun. Lediglich in einigen Wortnummern, in denen sich die beiden die peinlichsten Kindheitserlebnisse vorhalten, flammt ein gewisser Zusammenhang mit dem Programmtitel auf. Einziger Lichtblick ist “Vladimir vom Hermes-Paketversand”, der die Frauen zum hemmungslosen Shoppen verführt, sich im entscheidenden Moment aber verweigert.
Freundlicher Applaus geleitet “Zu Zweit” von der Bühne. Das war von den Zuschauern überaus fair. Obwohl das Programm musikalisch nur akzeptabel war; inhaltlich jedoch beliebig, sängerisch fragwürdig und überhaupt so naja.
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Vierter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Ölkrise, Einsamkeitskrise, Medienkrise
Der vierte Gang der St. Ingberter Pfanne

Thilo Seibel aThilo Seibel, der bereits 2002 die St. Ingberter Pfanne im Duo mit Lüder Wohlenberg gewonnen hat, betritt energiegeladen die Bühne. Nachvollziehbar, heißt sein Programm doch “Hurra, hurra! Das Öl ist aus!” Will er schon mit den ersten Schritten neue alternative Energien aufzeigen? Nein, zunächst distanziert er sich von dem anderen Thilo, dem Sarrazin. Der wollte zwar nur eine Debatte anstoßen, aber dafür müsse man schließlich kein rassistisches Buch schreiben. Auf die saarländische Landespolitik mit ihrer Jamaika-Koalition geht Seibel ausgiebig ein. Dem Publikum gefällt‘s, die landespolitischen Themen sind im diesjährigen Wettbewerb noch nicht so intensiv betrachtet worden.
Angela Merkel kommt bei einem politischen Kabarettisten natürlich nicht ungeschoren davon: Jetzt heisse es durchregieren, egal mit welchen Inhalten! Mehr Zuversicht müsse erreicht werden, z.B. durch das neue Energiekonzept der Bundesregierung – auch, wenn es nur auf dem Weiterbetrieb alter Atomkraftwerke basiert. Ohne nennenswerte Resonanz des Publikums kritisiert der Künstler diesen Ansatz, befindet sich inhaltlich aber erstmals nah an seinem Programmtitel. Zurück zur Kernenergie wolle schliesslich nur, wer nichts mehr zu verlieren habe: Ronald Pofalla, Stefan Mappus, Guido Westerwelle und Rainer Brüderle. Unabhängig vom Energiekonzept: In Asse, dem Forschungsbergwerk zur Endlagerung radioaktiver Abfälle, sehe es aus, wie in Kundus nach einem Friedenseinsatz der Bundeswehr. Für ein deutsches Atommüllager erwartet Seibel ordentlich aufgestellte Fässer, die möglichst alphabetisch sortiert sein sollten. Er kommt nun endlich zum Thema Öl. Denn daraus mache man nicht nur Kraftstoffe, sondern auch Medikamente, Dünger oder Farben. Schon entfernt er sich von seinem Hauptthema wieder und erzählt über Umweltzonen und was er sonst noch für unsinnig hält.
Der Künstler hat sich ein Thema mit vielen Möglichkeiten ausgesucht: Wie werden wir in Zukunft leben und uns fortbewegen? Das bietet Raum für phantasievolle Beschreibungen. Stattdessen wiederholt Seibel Thesen, die jedem kritischen Zeitungsleser bekannt sind. Er traut sich nicht, auf der Bühne Zukunftsszenarien zu entwerfen. Seine Parodien und Einschätzungen sind gut – nur haben sie zu selten mit dem Ende des Ölzeitalters zu tun.

Stefanie-Kerker aIn ihrem Programm “Nacht Schatten Gewächse” lässt sich Stefanie Kerker von Jochen Neuffer am Flügel begleiten. Der Rücken ist das Erste, was das Publikum von der Künstlerin mit dunklem, hochsteckten Haar zu sehen bekommt. Von zwei Seen ist die Rede, die sie im Traum gesehen haben will. Schnell wird klar: Die Seen sind die blauen Augen eines Mannes, der sie glücklich machen wird und dem sie in der Bäckerei begegnen wird. Davon ist sie überzeugt, weil sie die Geschichte zwischen Weihnachten und Dreikönig geträumt hat. Genauer gesagt, in der achten Nacht: Die Begegnung muss also im August stattfinden. Auf der Bühne beginnt dieser Monat jetzt. Kerker entsorgt ihren Toaster und geht mehrmals täglich in die Bäckerei, immer auf der Suche nach dem Traummann. Dabei unternimmt sie sehr geschickt ein paar Abstecher von der eigentlichen Handlung. Wenn sie beispielsweise an einem Abend in der Stadt an der Bushaltestelle wartet und eine Mutter mit zwei Kindern, einer großen Sektflasche und einem überdimensionalen Teddybären sieht. Daraus entwickelt sie das wunderbar poetische Lied einer selbstlos liebenden Frau, die über die Liebschaft ihres Mannes hinwegsieht und mit ihm und den Kindern eine gemeinsame Zukunft ersehnt.
Zu so später Stunde fährt auch für Kerker kein Bus mehr, und sie muss nach Hause laufen. Dabei bemerkt sie einen Verfolger, den sie stellt und zu Boden schlägt – ausgerechnet vor der Bäckerei bekommt der Mann ein Veilchen von ihr. Zum Traummann wird der Kerl aber nicht – schliesslich hat er nur ein blaues Auge! Enttäuscht gibt die Künstlerin auf und schafft sich, der August ist inzwischen zu Ende, einen neuen Toaster an, um nicht ständig beim Bäcker einkaufen zu müssen – und trifft vor der Bäckerei den Bäcker. Der ist ihr Traummann. Und sie dachte immer, es müsse einer der Kunden sein…
Stefanie Kerker erzählt in ihrem Programm sehr dicht und sehr stark am roten Faden entlang. Ihr gelingt der Spagat zwischen laut und leise, zwischen lustig und traurig. Sie verzichtet auf übertriebene Darstellungen und betreibt Kleinkunst in schönster Form aus eigener Kraft: mit eigenen Texten, ohne Mitmachnummer für das Publikum und mit einer Geschichte, bei der anscheinend von selbst eins zum anderen kommt. Begeisterter Applaus geleitet sie von der Bühne. Preisverdächtig!

Tumbrinck und Stani aEin Tisch, zwei Stühle, ein Picknickkorb, ein Kochtopf und zwei Weingläser. Das sind die Requisiten für “Das Parkbankduo” und Ausschnitte ihres Programms “Bauer kocht Frau”. Wer jetzt eine bösartige Mediensatire erwartet, liegt falsch. Medienkritik trifft es eher. Michael Tumbrinck und Michael “Stani” Greifenberg sind alte Hasen auf der Bühne. Die beiden Westfalen wirken regelmäßig im alternativen Karneval mit.
Stani, als Bauer in grober Cordhose und Hosenträgern, sucht eine Frau. Deshalb hat er ein Bewerbungsvideo an eine Fernsehshow geschickt. Tumbrinck, als Koch, rät ihm zu einem lässigeren Umgang vor der Kamera. Dabei entwickelt sich die Show zur Medienkritik. Die beiden machen sich Gedanken über die Realitätsnähe oder Realitätsferne von Kochshows. Wie kann es funktionieren, wenn fünf Köche gleichzeitig fünf verschiedene Gänge vorbereiten, die gleichzeitig fertig werden? Da ist das Eis geschmolzen, wenn man mit der Suppe gerade fertig ist.
Und auch hier geht der junge Koch fünfmal am Tag zum Bäcker, um bei seiner Brötchenfee jeweils eine einzelne Backware zu erstehen. Die Parallele zu Stefanie Kerkers Programm ist mit Sicherheit zufällig, aber sie zeigt auch die Ausweglosigkeit der beiden Charaktere auf der Bühne. Die mangelnde Qualität vieler Fernsehshows ist allgemein bekannt – und manchmal fehlt dem Zuschauer von “Bauer kocht Frau” nur das berühmte “Palim-Palim”, um sich selbst in einer qualitativ fragwürdigen Fernsehshow wiederzufinden! Das Bühnenwerk kommt nur deshalb zum guten Ende, weil der Koch seiner Brötchenfee endlich ein paar Blumen mitbringen soll. Bauer Breitlauch schneidet den Porree also etwas auf, steckt eine Peperoni in die Mitte und übergibt diesen Blumenstrauß vom eigenen Feld dem verliebten Koch.
Stani und Tumbrinck sind später in der Talkrunde überrascht, mit dem Begriff “Volkstheater” konfrontiert zu werden. Aber das ist es im besten Sinne: Regionale Charaktere und Eigenschaften werden liebenswert auf die Bühne gebracht. Zur Freude, aber nicht zur Begeisterung des Publikums in St. Ingbert.
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Dritter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Wenn Kommunikation elektrisiert

Das dritte Gericht aus der St. Ingberter Pfanne

Frank Sauer aFrank Sauer ist bei der St. Ingberter Kleinkunstwoche kein Unbekannter: Bereits 1999 erhielt er eine der begehrten Pfannen als Mitglied des Duos “Nestbeschmutzer”. Aber die Pfanne hängt beim Duo-Partner Gerd Weismann, und Frank Sauer will jetzt endlich seine eigene. Deshalb tritt er mit seinem vierten Soloprogramm “Vom Tellerwäscher zum Geschirrspüler – ein Erfolgsmodell” an. Kabarett und Multimedia führt Sauer hier zusammen. Das ganze Programm sei im Computer, der auf einem Tisch auf der Bühne steht und dessen Filme und Bilder auf eine Leinwand projiziert werden. Er will sich mit dem Erfolg beschäftigen, auch mit dem des Kabarettisten. Deshalb hat er ein Buch dabei: Den Ratgeber für die perfekte Bühnenshow, in dem er immer wieder nachschlägt. Aus einem Zungenbrecher über dicke Dachdecker entwickelt er einen feinen Rap, indem er auf dem Buch trommelt. Und trotz seiner Ähnlichkeit mit Bruce Willis, insbesondere was die Frisur angeht, ist er nicht nach Hollywood gegangen: Dort seien schließlich nur die, die es nicht nach Sankt Ingbert geschafft hätten. Die halbe Regierungsmannschaft zieht Sauer mit einer Photoshop-Präsentation durch den Kakao. Aber er zeigt auch andere Typen, wie den angebenden Gescheiterten, den er beim Klassentreffen wieder trifft. Er muß nur sein Jackett ausziehen und eine prollige Kette anlegen. Um Erfolg zu haben, denkt Frank Sauer auch bei Niederlagen positiv – egal, was an dem Tag alles schiefgegangen ist: Er will es trotzdem schaffen: Obwohl ein schlechter Witz über niedliche Tiere das Publikum in ein Stimmungstief zieht, gibt Sauer nicht auf. Er blickt in den Ratgeber und trägt die bombensicheren Lacher aus dem Buch vor. Sauer läßt sich auch über den Schwaben und die Klischees über ihn aus, z.B. beim Spätzlekauf. Multimedial wird es wieder, wenn er ein Vorstellungsgespräch spielt. Sein Gegenüber, der Personalchef, blickt dann von der Leinwand auf ihn herab. Sauer steigt bisweilen aus seiner Rolle aus und zeigt sich selbstironisch. Auch nachdenkliche Momente gibt es in seinem Programm: Er fragt sich, ob der Mensch wirklich das Erfolgsmodell der Evolution ist. Andere Arten leben seit Millionen Jahren ungestört vor sich hin, haben sich aber auch nicht weiterentwickelt. Ziemlich leise wird es im Publikum, wenn er vorrechnet, dass alle 6,5 Milliarden Menschen rein rechnerisch auf die Fläche des Bodensees passen. Und stünden sie dort, stiege der Bodensee nur um 84 cm an. Um zu zeigen, dass es mit der Menschheit nicht immer soweit her ist, läßt er am Ende den Proll vom Klassentreffen einen prima Angebersong singen. Sauer ist in seinen Rollen abwechslungsreich und glaubhaft. Er hat das Publikum gut in der Hand, wenn er von dem Tag erzählt, an dem alles schief geht, lacht das Publikum laut auf – hinterfragt er den Menschen als Krone der Schöpfung, wird es still im Saal. Der Einsatz des Computers mit all seinen Möglichkeiten im politischen Kabarett ist neu. Ein Favorit für den Extrapreis?

Madeleine Sauveuer und Clemens Maria Kitschen a“Ich höre was, was Du nicht sagst”. Der Titel lässt es vermuten: Es geht um Beziehungsprobleme. Die Chanteuse Madeleine Sauveur und ihr musikalischer Begleiter Clemens Maria Kitschen nutzen in ihrem musikalischen Programm Flügel, Gitarre und Akkordeon. Madeleine singt seit sechs Jahren überwiegend eigene Lieder. Sie reagiert allergisch auf gute Ratschläge und singt über Männer, die schweigen. Ein bekanntes Problem, dass sie zunächst attraktiv und später nur noch langweilig sind. Und gerade diese Bekanntheit des Problems lässt manchen Zuschauer gedanklich etwas abschweifen: Habe ich das nicht schon mal gehört, bei wem habe ich das schon gehört, wie war das damals nur instrumentiert? – und schwupps ist das Lied vorbei und auch die Nummer über die Produktnamen. Bekanntlich kann nicht jeder Name global vermarktet werden, erinnert sei an den Whisky der Marke “Mist”. Da kann eine Übersetzung helfen. Madeleine Sauveur übersetzt flugs die Einbauanleitung eines Staubsaugerbeutels in Russische und macht daraus eine echt klingende Volksweise. Interessant wird es auch, wenn sie bekennt, sie wäre gerne Carla Bruni – würde aber mit Sarkozy trotzdem nicht ins Bett gehen.

Sie ist in den Vierzigern und hat zwei Kinder. Deshalb erzählt sie von der in ihr wachsenden Gerührtheit und der stetig steigenden Bedeutung des Muttertages. Kitschen reagiert darauf mit einem Medley, in denen Mütter eine Rolle spielen. Richtig interessant wird es, als Sauveur die Ängste einer Mutter in einem Lied beschreibt, deren Sohn sie erstmals mit der neuen Freundin besucht. Doch alles geht gut, denn die Freundin akzeptiert die Mutter. Schade, dass hier nicht weitergedacht wurde und mehr Geschichten über die Generation 40plus erzählt werden. Man muss ja nicht gleich einen Blues über die Frau am Rollator schreiben oder sie in einem fiesen Quickstep über die Bühne tanzen lassen. Aber das Thema “Männer und Frauen” ist schon von so vielen Seiten her beleuchtet worden, dass ein weiterer Spot mehr dunkle Schatten als Erleuchtung erzeugt.

Stefan Ebert aBühne frei für einen Kleinkunst-Rocker oder Liederkracher. Stefan Ebert heißt der 29-jährige Mannheimer, der Ausschnitte aus seinem Programm “Du kannst nicht alle haben” zeigt. Ebert steht auf Frauen. Er möchte todsichere Anmachtips vermitteln und macht Exkurse in biologische und außerirdische Welten. Hierfür bearbeitet er seine elektrische Gitarre, einen Sequenzer und eine Nintendo-Spielkonsole. Und weil all diese Instrumente elektrisch betrieben werden, beginnt er mit einer Hymne an den elektrischen Strom. Dabei zaubert er den Beat aus einer Brummschleife: jenem merkwürdigen Brummen, das entsteht, wenn man einen Klinken-Anschluss in die Hand statt in den Verstärker steckt. Seine größte Schwäche ist, wahrscheinlich kein guter Zombie zu sein. Diese Antwort passt sowohl beim Vorstellungsgespräch als auch beim ersten Date. Stefan Ebert berichtet von seinen Erfahrungen als Musiker bei Veranstaltungen: “Guten Tag, ich bin die Musik”. Er kämpft dabei um Freigetränke und den rechten Platz für seine Instrumente. Er will schließlich nicht der Pianoman, sondern der Forteman sein. Ganz leger in Jeans-Anzug und offenem Hemd gekleidet, schlägt er vor, sich bei Konflikten die Bonobo-Affen zum Vorbild zu nehmen. Diese Tiere leben ungewöhnlich friedlich miteinander, weil sie aufkommende Konflikte mit heftigem Geschlechtsverkehr aus dem Weg räumen. Er tanzt zu dieser Sequenzer-Komposition geschickt über die Bühne und steht gleichzeitig darüber ist, indem er sagt: “Wem das zu pubertär war, der kann mich mal!” Das Publikum freut es. Aber Stefan Ebert kann auch anders: Fein und poetisch beschreibt er in dem Song “Getrennt oder zusammen” den Beginn einer Beziehung. Das Gegenteil findet in “Sie hat nein gesagt” statt. Und weil dieses Lied nur sehr kurz ist, läßt sich vermuten, dass Ebert einige Lebenserfahrung hat – oder wenigstens gute Vorsätze! Auch eine kleine Rockoper führt er auf. Der alten Nintendo-Spielkonsole entlockt er einen Elektrosong über das Weltall. Der harte Elektro-Sound, eine Weiterentwicklung des Techno, wird durch einen Nonsenstext mit Binnenreimen erstklassig gebrochen. Schließlich ist “im Weltraum den ganzen Tag über Nacht”. Das überzeugt das Publikum. Sein Lied “Wer möchte” ist ein Hiphop, der ihn bei der Partnerinnensuche in gleißendes Licht stellt. Schon in seinem ersten Programm zeigt Stefan Ebert neue Formen des Musikkabaretts: minimalistisch und extrem elektrisch. Manche sind hart und kalt – so wie das Leben eben manchmal ist.
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Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2013 / 2012 / 2011

Zweiter Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Spaghetti mit Honigbrot und Bohnerwachs

Das zweite Menu aus der St. Ingberter Pfanne

Frederic Hormuth a“Gestöhnt wird überall”. Frederic Hormuth hat sein Programm so benannt und startet mit einem Outing: Ja, er sei im ADAC! Allerdings sei ihm die Zielgruppe der vereinseigenen Zeitschrift ‚Motorwelt‘ zunehmend unklar – schließlich überwiege dort nahezu Werbung für Treppenlifte und Schuhe, die sieben Zentimeter größer machten. Der ADAC verwende das falsche Motto: Eigentlich müsste es Mobilat statt Mobilität heißen! So verlaufen weite Strecken des Programms. Hormuth denkt und lässt den Zuschauer Einblick in diesen Prozess nehmen. Ob es da um den Kinderfreibetrag geht, der für Besserverdienende viel mehr Vorteile bringt als für Gar-Nicht-Verdienende oder um die Integrations-Thesen eines abgehalfterten gerade-noch-SPD-Mitglieds, dem man am besten eine “Zwangseinweisung in die NPD” verordnen sollte. Hormuth, der mutiger als dieser Kritiker den Namen Sarrazin auch noch ausspricht, weitet das Thema Integration aus: Kann man auch zu stark integriert sein? Der Blick auf Philipp Rösler und seine Karriere vom Flüchtlingskind zum Bundesgesundheitsminister lässt die Frage legitim erscheinen.

Es sind freche und unkonventionelle Vergleiche, die Hormuth immer wieder zieht. Wenn er etwa die Popularitätswerte von Politikern vergleicht und herausfindet, dass in Deutschland der Bundesaußenminister genauso beliebt ist wie der iranische Präsident. Obwohl Ersterer viel mehr Wert auf angemessene Kleidung legt, wie der Kritiker hinzufügen möchte. Hormuth steht im politischen Teil seines Programm links von der Mitte – unklar bleibt dabei, wie weit er von der Mitte entfernt ist. Allen, die rechts der Mitte stehen, tritt er immer wieder vor das Schienbein. Eine größere Überraschung erleben aber die politisch ähnlich Orientierten, die nicht genau wissen, wann sie wieder getroffen werden. Der gleichmäßige, fast monoton wirkende Vortragsstil Hormuths stellt somit besondere Anforderungen an das Publikum. Im unterhaltenden Teil des Programm greift er in die Tasten und singt sein Liebeslied an das Honigbrot. Der bekennende Nutella-Feind greift aber auch tief in die Kiste und betätigt sich als Geräuschemacher: Zunächst in minderwertigen Sexfilmchen. Dann wird er wieder politisch und kommentiert Aussagen von Politikern mit auf der Bühne frisch angerichteten Geräuschen. Auch führt er ideologische Slogans ad absurdum: “Wenn sozial ist, was Arbeit schafft, sind Langhaarkatzen auch sozial!” Eine Mischung verschiedener Unterhaltungsformen zeigt Frederic Hormuth auf der Bühne. Damit wird er als vielseitig begabt erkannt. Weniger Formen könnten dem Programm gut tun, schließlich wächst die Zahl der Unterhalter viel stärker als die Zahl der politischen Kabarettisten.

Wiebke Eymess und Friedolin Müller a“Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie” ist ein häufig gebrauchter Ausspruch von Wiebke Eymess‘ Großmutter. Eymess spielt zusammen mit Fridolin Müller im Programm “Mitternachtsspaghetti”. Und weil ihr der Ausspruch so gut gefallen hat, wurde er flugs zum Ensemblenamen. Beide bilden ein “real-fiktives Liebespaar” im klassischen Rollenverständnis: Sie fragt, er antwortet. Beide geraten auch in Streit, zum Beispiel über die Frage, ob in Weimar der Humanismus geboren oder zu Grabe getragen wurde. Stichworte wie Buchenwald, Herder, Hitler und Goethe fliegen durch den Raum. Weil aber Hitler doppelt zählt, setzt sich Fridolin durch. So ist das häufig. Er spielt den Klugscheißer, der Aristoteles unterstellt, zu allem einen Aufsatz geschrieben zu haben, sozusagen als Helmut Schmidt der Antike. Aber die Beziehungskonflikte werden nicht mit aller Härte und Boshaftigkeit ausgespielt. Florett statt Säbel ist hier das Motto: Er will “hypothetisch” Kinder kriegen; sie findet, Beckenbodenabsenkungen sollte es nur im Schwimmbad geben. Er erklärt, wie ein Tornado entsteht, und sie gerät dabei so in Wallung, dass sie nur noch musiktherapeutisch beruhigt werden kann. Ach ja, die Musik. “Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie” hat Text und Musik gleich gewichtet. Mit intelligenten Texten und Wiebkes Stimme, die wirklich auf eine Kleinkunstbühne passt, macht es großen Spaß zuzuhören. Das Lied vom Treibhauseffekt kombiniert atemberaubend die Folgen der Klimaerwärmung mit den Auswirkungen des Verliebtseins. Die gesungenen Mitternachtsspaghetti gibt es erst um 8.00 Uhr in der Frühe, weil das verliebte Paar die Zeit vergessen hat, und das Autobahnlied erzählt herrlich dröge, wie es auf Autobahnen eben so zugeht. Akustische Gitarre, Akkordeon und Sequenzer kommen dabei zum Einsatz. Die Dialoge sind immer leicht ironisch gebrochen – allzu ernst nehmen sich die beiden nicht in ihrem Spiel. Auf die Frage nach dem Namen der Hitler-Jugend in der DDR beginnt ein großer Exkurs: Von Marx über Lenin zu Thälmann geht es weiter zu Telemann, Wagner und Chelsea Clinton. Ausgelöst jeweils durch eine kleine Frage, die auf einem Missverständnis, einer Verwechselung oder einem Fehler basiert. Vielleicht hatte auch in dieser Nummer eine Großmutter die Hand im Spiel… Wiebke Eymess sagt später in der Talkrunde: “Wir machen ein Programm, wo sich Comedy und Kabarett Gute Nacht sagen”. Und diesem Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachsein huldigt das Publikum mit langem Applaus. Preisverdächtig!

Hans von Chelius und Stefan Erz aÜber falsch verstandene Hygienevorstellungen ist schon viel geschrieben worden: So sind keimfreie Kaffeetassen für den gesunden Menschen weder nötig noch nützlich. Dass aber auch die übermäßige Anwendung von Bohnerwachs schmerzhafte Folgen haben kann, bekommt Hans von Chelius von der Gruppe Akascht zu spüren, als er beim Auftritt – ausglitt! Flach liegt der Künstler auf der Bühne und rappelt sich dann glücklicherweise ohne Schäden an Körper und Instrument wieder auf. “Zwei Rocker packen ein” ist der Titel von Akaschts Programm. Stefan Erz und Hans von Chelius haben seit langem einen großen Traum: Sie wollen Rockmusiker werden. Mit viel Krach, viel Erfolg und täglich frischen Groupies. Beide träumen schon ziemlich lange – schließlich haben sie die 40 erfolgreich überschritten und ihre Konsequenzen gezogen. Jetzt machen sie es anders, treten nur mit akustischen Gitarren auf und gestalten als Duo ihre eigene Show. Stefan, der nach eigener Aussage gut 70 % des Duos stellt, distanziert sich zunächst schlecht gelaunt vom Programm. Er jammert über die verpassten Chancen und die geldgeleiteten Auftritte mit der Schlagergruppe “Wind”. Hans ist anders drauf, wäre gerne Mexikaner, trägt daher einen Sombrero, hat gute Laune und macht Stimmung. Das ist nicht so einfach, denn das Leben als erfolgloser Rockmusiker verlangt nach vielen Kompromissen: So stammen die Einkünfte überwiegend von Auftritten bei ländlichen Hochzeiten, wo ein ganz spezielles Publikum immer wieder ganz spezielle Musiktitel fordert. Das ist natürlich nichts für zwei Möchtegern-Stars aus München! Stefan jammert herzzerreißend über die geplatzte Karriere und das gelegentlich anstrengende Publikum. Eine handvoll Besucher nimmt sich das zu Herzen und verlässt die Stadthalle vorzeitig. Das war ein Fehler, denn das Programm ist durchaus unterhaltsam. Es gestattet beim Lied “Es ist schon wieder keiner da” einen Blick in enttäuschte Künstlerseelen. Die Rock-Persiflage erreicht ihren Höhepunkt, wenn Stefan “Highway to Hell” singt, während gleichzeitig Hans im Hintergrund auf einem Bein über die Bühne springt. Er hat sich bei seinem Sturz also wirklich nichts getan. Als Instrumente werden auch weiterhin nur die beiden akustischen Gitarren gespielt. Das klingt dann ungewohnt, macht aber immer noch ausreichend Krach. “Akascht” ist der rückwärts geschriebene Motivationsbefehl der 90er Jahre “Tschaka”. Das Programm geht trotzdem nicht nach hinten los, sondern zeigt Musik, die auf das Wesentliche reduziert ist. Auch, wenn der Mitmach-Song “Ich hasse dich” nicht unbedingt nötig gewesen wäre.
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Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2013 / 2012 / 2011

Das große Kleinkunstfestival – Wühlmaüse 2010

neonmaus_160x165Das grosse Kleinkunstfestival der Wühlmäuse 2010
Dieter Hallervorden – Schirmherr & Produzent
Dieter Nuhr – Moderation / 4. Sept.

Teilnehmer um den Jury- und Publikumspreis:
Sascha Grammel, Robert Griess, Götz Frittrang, Christoph Sieber und John Doyle

weitere Gäste: Kaya Yanar, Martin Sierp, Starbugs, Rebecca Carrington & Colin Brown, Simone Solga, Florian Schroeder

Christoph Sieber und Sascha Grammel sind Sieger
Beim 10. Festival der Kleinkunst in den Berliner Wühlmäusen Weiterlesen

Erster Wettbewerbstag in Sankt Ingbert 2010

Punkte, aber noch keine Höhepunkte
Das erste Abendmal aus der St. Ingberter Pfanne
“Wir werden beobachtet – nicht nur von Google, sondern auch von den Kleinkünstlern.” Mit diesen Worten eröffnete Oberbürgermeister Georg Jung den Wettbewerb um die St. Ingberter Pfanne. Beim Beobachten wirkt natürlich auch der Kritiker mit – immer auf der Seite seiner Leser, um den Slogan einer saarländischen Verbrauchermarktkette etwas abzuwandeln.
Philipp Scharri 1001aDa ist zunächst Philipp Scharri, der sich als Poetry Slammer, Kabarettist und Performance Poet bezeichnet, weil das so schön schick klingt. Die Auszüge aus seinem Programm “Der Klügere gibt Nachhilfe” kündigt er als anspruchsvoll und intellektuell an. Dieses Versprechen hält er ein, wenn er große Philosophen durch die Küchenarbeit zusammenbringt. Zum Kochen bei Kant lädt er Geistesgrößen aller Epochen zum Diskurs über die Essenszubereitung ein. Alles wird in Reimform und mit unterschiedlichen Dialekten kredenzt. Ohne Requisiten gestaltet Scharri eine großartige Nummer, die richtig Spaß macht. Dann beschäftigt er sich mit den Konflikten, die durch das übergroße Angebot der Warenwelt hervorgerufen werden, z.B. bei Sandwiches. Hier wird es besonders anstrengend, wenn man dem Verkäufer sein eigenes Rezept erklären muss. Er nimmt die Zuschauer in seine Welt mit, die voller Anspielungen auf historische Ereignisse und berühmte Zitate ist. Der Sandwichkauf gipfelt geschickt in einer Reportage über die Regierungsbildung, wo Senfgurken und Oliven eine schwarz-gelbe Koalition eingehen, die schließlich in einer Gurkentruppe endet. Philipp Scharri fühlt sich wohl auf der Bühne, auch wenn er als Solist auftritt und nicht mit seinen Partnern Bumillo und Heiner Lange spielt. Zusammen sind sie PauL, Poesie aus Leidenschaft, und greifen regelmäßig Preise ab. Scharri, der in den Dreissigern ist, scheut auch vor aktuellen Themen nicht zurück. So widmet er sich der Mitarbeiterbespitzelung und singt darüber gleich ein kleines Li(e)dl am Flügel. Der Sprachdechsler sorgt sich auch um den latenten Anti-Semantismus: “Anglismen” seien schließlich hier, weil sie sich in unserer Sprache eine bessere Zukunft versprochen haben. Viele von ihnen seien bereits in den Duden aufgenommen worden, selbst wenn es inzwischen Bücher mit Titeln wie “Die deutsche Sprache schafft sich ab” gebe. Die Geschichte vom Verb, das ein Nomen werden wollte, wird in Reimform erzählt. So, wie viele andere Nummern auch. Das Verb landet schließlich in dem Land, wo der Thesaurus den Wortschatz bewacht: im Land der Poesie. Schade nur, dass die musikalische Beziehungsdefinition am Ende des Programms etwas lang und unübersichtlich gerät. Auch die Ideen vom komplizierten Sandwichkauf und vom rebellischen Verb sind auf Kabarettbühnen schon umgesetzt worden.

Helena Marion Scholz aNach dem wortbetonten Auftakt geht der Abend musikalisch weiter. “Wahre Lügen” heißt das Programm von Helena Marion Scholz, das sie zusammen mit Steve Nobles am Klavier aufführt. Das Thema sind Lügen und Wahrheit. Scholz konterkariert durch übertriebene Freude ihre eigenen Worte. Für sie gibt es viele Wahrheiten: schließlich glaube sie an Gott und an den Urknall. Einerseits sage sie Nein zu Drogen, konsumiere aber gleichzeitig Alkohol und Lösungsmittel. Sie referiert über die unterschiedlichen Lügen von Männern und Frauen und beschreibt musikalisch, wie man körperliche Korrekturen zur Erlangung vollkommener Schönheit mit Geld kaufen kann. Als sie jedoch Mozarts Papageno-Arie zusammen mit Steve Nobles mit einem Text in kölscher Mundart versieht, beschreibt der Refrain dieses Liedes ihren Auftritt unfreiwillig deutlich: Laber laber, bla bla. Im Laufe des Abends wird der rote Faden immer blasser, und der Künstlerin gelingt es nicht, Energie und Spielfreude auf das Publikum überspringen zu lassen. Das Programm wechselt dann von der Lügenproblematik zur Beziehungsproblematik. Es wird zunehmend schwarzhumoriger, allerdings leicht getrübt durch die blau schimmernden Strümpfe des in einen schwarzen Anzug gekleideten Pianisten. Vieles wird in Scholz‘ Programm nur angerissen – überraschende Lösungen oder Auswege werden nicht geboten. Es sind ein paar schöne Nummern für eine Gala, die Helena Marion Scholz anbietet. Für einen ganzen Abend wirkt das Konzept zu mager. Wie war noch der Refrain ihres letzten Liedes? “Wahre Lüge oder Schmeichelei? Ehrlich kann in diesem Fall nicht richtig sein”.

Kreimeyer_Foto1_01aNun betritt Thomas Kreimeyer die Bühne und baut seinen roten Stuhl auf. Der ist vielleicht zehn Zentimeter groß und soll dem Publikum als Ruhepunkt dienen. Hier solle es hinblicken, wenn es durch das Geschehen intellektuell überfordert zu werden droht. Denn der Soziologe, Clown und Kabarettist Thomas Kreimeyer hat mit dem Publikum beim “Kabarett der rote Stuhl” einiges vor. Er will es einbinden, mit ihm in Austausch treten und den Abend gemeinsam veranstalten. Künstler und Zuschauer sollen aufeinander angewiesen sen. Es ist Stegreif-Theater, das Kreimeyer Knall auf Fall beenden wird: Denn nach 45 Minuten klingelt der Küchenwecker, und die Show wird vorbei sein. Bei eingeschaltetem Saallicht steht das Publikum im Mittelpunkt. Kreimeyer beschreibt seine Probleme beim ersten Kontakt mit dem saarländischen Idiom – schließlich sei das seine Saarlandpremiere. Er ist sehr locker, geht auf die Leute ein und wandelt durch alle Reihen. Sein Fragenkatalog ist jedoch ziemlich eingeschränkt: “Aus welcher Stadt stammen Sie? – Leben Sie noch dort, wo Sie geboren wurden? – Wo waren Sie in Urlaub? – Was machen Sie beruflich?” Die Volksbefragung wirkt dagegen harmlos! Kreimeyer improvisiert, denkt quer, übertreibt. Die Zuschauer goutieren es – vielleicht auch aus Erleichterung, selbst gerade nicht befragt worden zu sein. Bisweilen wirkt Kreimeyer etwas oberlehrerhaft und korrigierend. Er schafft es jedoch, keine einzige peinliche Pause entstehen zu lassen. Da spielt er lieber auf Zeit und beisst sich an einer Zuschauerin beim Thema Intelligenz die Zähne aus. Seine Idee zerfasert nach einer knappen halben Stunde. Die Halle ist mit etwa 700 Zuschauern für eine derartige Kleinkunstidee einfach zu groß. Im wahrsten Sinne des Wortes ist diese Bühne der Stadthalle zu hoch, um mit dem Publikum auf gleicher Augenhöhe agieren zu können. Die Besucher des ersten Abends der St. Ingberter Kleinkunstwoche freuen sich trotzdem über das “Kabarett der rote Stuhl” von Thomas Kreimeyer, das mit jedem neuen Publikum neu verläuft.
Gilles Chevalier © 2010 BonMoT-Berlin Ltd.
http://www.superscharri.de
http://www.marion-scholz.com
http://www.kabarett-der-rote-stuhl.de

Liveundlustig-Berichte über die Sankt Ingberter Pfanne 2013 / 2012 / 2011

Die Teilnehmer der Sankt Ingberter Pfanne 2010 stehen fest

Gilles Chevalier - Foto © BonMoT-Berlin Ltd.
Zum ersten Mal wird BonMot-Berlin auf http://www.Liveundlustig.de die St. Ingberter Pfanne mit einem eigenen Korrespondenten begleiten. Täglich können Sie auf http://www.liveundlustig.de die Eindrücke und Einschätzungen des Wettbewerbs von Gilles Chevalier (Foto) lesen

26. Woche der Kleinkunst in Sankt Ingbert
von Beate Moeller

September in Deutschland: Die ersten Schokoladenweihnachtsmänner werfen ihre Schatten, die Tage werden kürzer und vor allem: die neue Theatersaison beginnt. Es ist auch die Zeit für einen der wichtigsten Weiterlesen

Grätscher, Terrier, Wasserträger – Buch

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“Fussball ist nur schön, wenn Du hinterher einen Verband hast.”
Stefan Mayr, Dominik Prantl: Grätscher, Terrier, Wasserträger

Die Hand Gottes, das Wembley-Tor, der Pass aus der Tiefe des Raumes …
Es ist über die Stars und Sternchen des Fussballs schon so gut wie alles geschrieben; man kann die Geschichten schon nicht mehr hören. Welche Wohltat, dass sich Stefan Mayr und Dominik Prantl endlich der Spieler angenommen haben, die so oft in Vergessenheit geraten: Die gnadenlosen Verteidiger und Zerstörer. Was wäre Beckenbauer Weiterlesen

Dieter Nuhr live! WM Spezial – 2. Halbzeit – Fernsehkritik

nuhr - wm spezial 2- foto Stefan Gregorowius

Wir Deutsche wollen Fußball und keinen Krieg.
Dieter Nuhr live! WM Spezial auf RTL (2. Halbzeit)

Nach der viel versprechenden ersten Halbzeit vor einer Woche, war die Frage, wie kommt Dieter Nuhr aus der Kabine und kann er im zweiten Teil seines WM Spezial auf RTL die Form aus den ersten 30 Minuten halten. Er konnte. Den Rhythmus aus der ersten Halbzeit Weiterlesen

111 Gründe, Fussball zu lieben – Buch

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Fussball für’s Bett
Thomas Bessauer: 111 Gründe, Fussball zu lieben

Wann ist ein Buch lustig? Wenn in roter Farbe drei Mal LUSTIG auf dem   Umschlag steht? Mitnichten. Bessauer verzichtet auf reißerische Ankündigungen. Er schreibt dem Leser nicht vor, daß dieser zu lachen hat, er bringt ihn einfach dazu. Weiterlesen

Dieter Nuhr live! – WM Spezial 1. Halbzeit – Fernsehkritik

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Souverän in die Halbzeitpause
Dieter Nuhr live! – WM Spezial auf RTL


„In ein paar Wochen ist es so weit: Da wird der Mensch wieder zum Rudelaffen.“ Dieter Nuhr hat in seinem WM Spezial, von dem die erste Halbzeit auf RTL zu sehen war, erkannt, worum es geht. Der wahre Charakter des Menschen zeige sich beim Fußball. Das Benehmen im Stadion sei schließlich nur mit dem beim Autofahren zu vergleichen. Aber das, so Nuhr, liege wohl am Alkohol. Worüber sich Legionen von Fan-Beauftragten und Deeskalationsexperten die Köpfe zerbrechen, bringt Nuhr in einem Satz auf den Punkt.
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Kicker Sonderheft WM 2010 – Magazin – Kritik

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Standardsituation
Kicker Sonderheft WM 2010

Es sollte eigentlich ein Fall für Greenpeace, Robin Wood und andere Gutmenschen sein. Seit Jahren werden Tonnen von Papier verarbeitet und dafür wahrscheinlich Waldflächen in der Größe aller Fußballplätze dieser Welt abgeholzt, um vor Bundesligaspielzeiten, Welt- oder Europameisterschaften diverse Sonderhefte verschiedener Verlage auf den Markt zu bringen. Ob Ran, Sport-Bild oder das zehnte „offizielle“ FIFA-Sonderheft, alles Papierverschwendung. Weiterlesen